Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 23 und durch ihn zu einer mit keiner europäischen zu vergleichenden religiös-nationalen Kultur gebildet worden sind, hat ferner mit dazu beigetragen, daß das antijüdische Randspannungsgefühl sich' mit Verachtung mischte. Für den europäischen Antisemitismus* ist es charakteristisch, daß jede unangenehme Erscheinung des öffentlichen Lebens auf das Konto der Juden gesetzt wird. So sollen die Juden die Intervention Italiens verschuldet haben, so wird man vielleicht noch einmal behaupten, daß sie die wahren Schuldigen am Weltkrieg sind, so werden alle peinlichen Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens ausschließlich dem jüdischen Einfluß zur Last gelegt. Die antisemitische Stimmung ist in allen Ländern der Welt gleich. Nur der Ausdruck dieser Stimmung ist verschieden. Die Stärke des Antisemitismus ist zunächst von der Zahl der Juden in einem Lande abhängig. Je mehr Juden vorhanden sind, desto deutlicher ist er. In dem einen Lande schlägt man uns tot, in einem andern kränkt man uns an der Ehre. In einem' versagt man uns die formelle Oleichberechtigung oder schließt uns tatsächlich von zahlreichen Berufen aus, in einem anderen, wo Juden jede Staatsstellung erreichen können, sind sie gesellschaftlich boykottiert. Ob man den Antisemitismus spürt, ist immer nur eine Frage des Feingefühls der Juden. Nicht auf die Aeußerungen des Antisemitismus kommt es an, sondern auf die innere Stimmung der Umgebung. Der nicht „geradezu lebensgefährliche", taktvoll verborgene Antisemitismus, den wir nur zu gut kennen, ist nicht weniger schlimm, als der laut lärmende, uns körperlich vernichtende. Nie ist ein Kampf mit schlechteren "Mitteln geführt worden, als der sogenannte Kampf gegen den Antisemitismus. Er ist in Wahrheit nichts anderes, als ein Kampf gegen den Semitismus, gegen die jüdische Eigenart der Juden selbst. Man unterschied berechtigten oder unberechtigten Antisemitismus. Berechtigt schien der Antisemitismus gegen die schlechten jüdischen Eigenschaften, und man hielt, in Uebereinstimmung mit den Antisemiten, jüdisches Wesen überhaupt für eine schlechte Eigenschaft. Durch dauernde Kapitulation vor dem Antisemitismus suchte man ihn zu besiegen. Feige Mimikry war die erprobteste Waffe in diesem Kampfe. Daß die geistigen Führer des deutschen Volkes größtenteils judenfeindlich empfunden haben, wurde äußerlich bestritten. Der Antisemitismus mußte als eine Seuche dargestellt werden, von der nur anrüchige Elemente befallen werden können. Dennoch aber dürfte man sich, auch den „vorurteilslosen" Nichtjuden gegenüber, mit denen man zusammenkam, nicht in prononzierter Weise zu erkennen geben. Auch den Namen Jude legte man ab und empfand es als einen Beweis von Respekt, , wenn man schonend als ein Mitbürger mosaischer Konfession bezeichnet wurde. Daß die Juden ein Volk sind, durfte