Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Der Jüdische Student Christentum gab, regte sich aus verschiedenen Gründen im römischen Imperium die Judenfeindschäft. Heute suchen die jüdischen Assimilanten die Gründe des Antisemitismus in kulturellen und vornehmlich in wirtschaftlichen Erscheinungen und bieten alles auf, die neu erkannten Gründe zu entkräften. Sie reden von der Entstehung des Antisemitismus, von seinem Schwächerwerden, und sind davon überzeugt, daß einmal eine Zeit kommen wird, wo die Grundlosigkeit der Abneigung gegen die Juden allgemein erkannt sein , wird; denn alle Gründe der Antisemiten beruhen auf Böswilligkeit oder Unwissenheit. Keiner der Gründe für den Antisemitismus, nicht einmal alle denkbaren Gründe zusammengenommen, machen aber sein Wesen aus. Niemals hassen Menschen aus Gründen. Die instink' tive Abneigung ist das Primäre, und alle Begründungen stellen sich je nach den Umständen ein. Der überzeugende Nachweis von der Grundlosigkeit des Judenhasses bewiese nur, daß der Haß echt ist. In allen Zeiten starker religiöser Erregung gibt es religiösen Antisemitismus, in Zeiten starker wirtschaftlicher Spannung wirtschaftlichen Antisemitismus und so fort. Es ist aber immer dasselbe Gefühl, daß nur eine andere Ausdrucksform gewinnt. Woher kommt nun diese Abneigung gegen die Juden? Ist wirklich das Entsetzliche war, daß es sich hier um eine Erscheinung handelt, die ihresgleichen in der Geschichte der Menschheit nicht findet, daß nur die Juden von diesem ewigen unerträglichen Haß verfolgt werden? Das ist gewiß nicht der Fall. Zwischen Menschen verschiedener Art gibt es überall in der Welt Spannungen: zwischen allen Völkern herrscht ein Fremdheitsgefühl, das unter gewissen Bedingungen zur Abneigung wird. In normalen Zeiten wird die Spannung zwischen den Nationen deutlich nur an den nationalen Grenzen empfunden, wo die dauernde menschliche Berührung verschiedener Volkselemente den nationalen Kampf immer aufs neue erzeugt. Der Gegensatz der Nationen äußert sich vornehmlich als Randspannungsgefühl. Die nationalen Zentren bleiben unberührt. Die Nationen* verstehen und würdigen sich in der Fülle ihrer Leistung. Sie hassen sich an der Peripherie ihrer Territorien. Auch der Antisemitismus ist nichts anderes als ein höchst intensives Randspannungsgefühl. Ueberall bilden die Juden Greni%n, überall berühren sie sich mit den anderen, nirgends* gibt es einen Ort, wo jüdisches Leben in unberührter Kraft sich entwickelt, wo die Fülle der Leistungen entsteht, die auch von Fremdesten gewürdigt werden kann. Deshalb ist der Antisemitismus so allgemein und stark und so schmerzlich! für uns. Furchtbar und unerträglich wird im Antisemitismus für uns nicht der Haß, sondern die Verachtung, die unzweifelhaft in ihm liegt. Daß wir allzu fremdartig sind, daß wir dem Orient entstammen,