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Der jüdische Student · 1917-01-01 · Sommer-Semester (1917) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
13 (1916-1917)
Issue
Sommer-Semester (1917)
Date
1917-01-01
Page
[Seite] (sequence 23)
Language
German
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Der Jüdische Student 21 der rechte Glaube an den Fortschritt der menschlichen Kultur fehle. Heute ist mit einem Male alles vertauscht Daß es in Deutschland Antisemitismus gebe, wird gelegentlich zugegeben, aber* da er „nicht geradezu* lebensgefährlich sei", findet man sich mit ihm ab. Der ganze Antisemitismus stellt sich in der Kriegszeit den jüdischen Assimilanten etwa nur als eine Taktlosigkeit der „Deutschen Tageszeitung" und sogenannter reaktionärer Blätter dar. Die öffentlich ausgesprochene Ansicht ist die, hauptsächlich gebe es Antisemitismus im Ausland und bei den sogenannten Erzreaktionären. Der Antisemitismus im liberalen England wird mit einem Mal geglaubt. Jetzt wird die Plünderung jüdischer Läden in London und Mailand registriert, die Tatsache, daß die Berichte über russische Judengreuel in englischen Zeitungen unterdrückt werden, als charakteristisches Symptom aufgenommen, und heute wird man sogar uns glauben, daß es in England antisemitische Hetzblätter gibt, und daß die Unruhen in Wales, von denen wir vor einigen Jahren berichteten, in Wahrheit Judenpogroms waren. Die jüdischen Presseäußerungen der verschiedenen Länder sind etwa auf den Ton gestimmt: „Schlägst du meinen Antisemiten, schlage ich deinen Antisemiten", und jeder tut so, als ob er der Meinung sei, daß es in seinem Lande diese Art von Antisemitismus gar nicht geben könne. In großen deutschen Zeitungen regt man sich interessanter Weise sogar darüber auf, daß im neuen englischen Kabinett keine Juden'sitzen. Die jüdischen Kreise, die sich vornehmlich mit der Bekämpfung des Antisemitismus beschäftigen, haben niemals den ernsthaften Versuch gemacht, die inneren Gründe des Antisemitismus zu begreifen. Den Mut zu der Erkenntnis, daß Antisemitismus nicht nur ein Mißverständnis, nicht nur eine zufällige, zeitliche Strömung ist, kann auch niemand aufbringen, dem der Mut zu seinem Judentum fehlt. Was hat es nur in Wahrheit mit diesem Antisemitismus für eine Bewandtnis? Beruht er wirklich auf Gründen und ist er demnach durch Gründe zu widerlegen, ist er nur eine vorübergehende Welle? Wird er durch die fortschreitende Kultur und Gesittung beseitigt, ist er vielleicht nur eine spezifische Erscheinung gewisser europäischer Länder, während andere von ihm »frei sind? •Zunächst sei wiederum daran erinnert, daß der Antisemitismus uralt ist, so alt, wie das jüdische Volk. Seine Gründe waren zu allen Zeiten andere. Anders wurde die Judenfeindschaft im Altertum, anders im 19. Jahrhundert begründet. Die Christen meinten, man müsse an den Juden den Tod des Stifters des Christentums rächen, die Juden erklärten, daß diese Begründung der Berechtigung entbehre, und führten Beweise, daß sie' an jenem Tode unschuldig seien. Aber ehe es ein

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