Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Der Jüdische Student weis zu erbringen, daß der Gesinnung nach die Juden der ganzen Welt deutsch seien. Während die deutsche Regierung den politischen Takt hat, nicht einmal von den Juden in den okkupierten Gebieten die politische Betätigung deutsch-freundlicher Gesinnung zu verlangen, sondern wohl weiß, welchen Gefahren sie Millionen von Juden durch ein solches Verlangen aussetzt, können sich jüdische Kreise Deutschlands gar nicht genug daran tun, die russischen Juden in ihrer Gesamtheit für die deutsche Sache öffentlich in Anspruch zu nehmen. Die Furcht vor dem Antisemitismus hat sogar Worte der Anerkennung für den von unseren jüdischen Assimilanten bis zum Ausbruch des Krieges über alles verachteten und geschmähten Juden des Ostens geprägt. Wenn es sich aber darum handelt, ob polnischen Jujden gegebenenfalls die Freizügigkeit nach Deutschland gewährt werden soll, dann betonen die Verkünder der Deutschfreundlichkeit des östlichen Judentums mit eindeutiger Klarheit, daß „niemand Grund zu der Besorgnis hätte, mit der möglichen Entwicklung der Dinge könnte bei uns ein jähes Hereinfluten so gemischter Elemente zu erwarten sein. Alle vernünftigen Menschen würden sich diesen Bedenken anschließen und die wirksamen Gegenmittel gutheißen, natürlich im Rahmen der allgemeinen Gesetzlichkeit. " Als selbstverständlich wird hier in einem Leitartikel einer großen liberalen Zeitung von jüdischer Seite die bereitwillige Zustimmung zu Maßnahmen gegen die Einwanderung östlicher Juden erklärt, denn sonst könnte doch der Antisemitismus wieder in hellen Flammen auflodern und darauf muß selbstverständlich mehr Rücksicht genommen werden als auf das Schicksal der polnischen Juden. Die Furcht vor dem Antisemitismus ruft je nach den Umständen einen schnellen Wandel der jüdischen Anschauungen hervor. Ehe der Krieg kam, waren Italien und England die für die Lösung der Judenfrage vorbildlichen Länder. Da gäbe es gar keinen Antisemitismus, wurde immer wieder versichert, dort könne ein Jude sogar Minister werden. Die Lage der Juden in diesen Ländern müsse auch dem Böswilligen den Beweis erbringen, daß der Antisemitismus nur eine vorübergehende Erscheinung sei, die durch geeignetes Verhalten der Juden, durch eine zielbewußte, unermüdliche Aufklärungsarbeit zu überwinden sei. Mit den Verhältnissen in Deutschland war man bekanntlich nicht so zufrieden, aber warum sollte nicht Deutschland auch einmal sich seinen Juden gegenüber benehmen, wie das vorbildliche England? Wir Zionisten wurden mit unserer Behauptung, daß auch in England eine starke instinktive Judenfeindschaft herrsche, wie überall auf der Welt, und daß aus allgemeinen Gründen diese Judenfeindschaft nur weniger fühlbare Formen habe und dort nur dem feiner Empfindenden erkennbar wäre, während sie hier gröber auftrete, als böswillige Störenfriede empfunden, denen