Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 17 in dessen Land män wohnte. Der ungewohnte Reiz der profane» Ktiltur lockte sie stark; beide Kulturen in ihrer Person zu verbinden, war ihnen nicht möglich, und so sahen sie sich bald vor die Alternative gestellt: deutsche Kultur oder jüdische Kultur? Die Uebersättigung mit dem Alten, der Reiz des Neuen, die sich bietenden wirtschaftlichen Vorteile, ein gewisser Druck vonseiten der Regierung, — all das tat sich zusammen, um dem Deutschtum zum Siege zu verhelfen. Das Verhältnis des Deut-; sehen und Jüdischen im Herzen der Einzelnen regelte selbstverständlich ein jeder nach seiner Art und seinen Anschauungen. Die Mehrzahl glaubte recht zu handeln, wenn sie das Alte zugunsten des Neuen völlig aufgab, andere, einsichtigere, verschlossen sich nicht gegen die Tatsache, daß das alte Judentum doch Werte besaß, die man nicht verschmähen durfte, und machten den Versuch, beides, Deutschtum und Judentum, miteinander zu verbinden. Aber da ihr Herz auf der Seite des Deutschtums, auf der Seite des Judentums nur ihr Kopf stand^ kam, was kommen mußte: vom Judentum behielten sie nichts als Formen; den inneren Geist, die Inhalte suchten sie sich im Deutschtum. Und hier liegt der Schlüssel für das ganze Problem: der deutschen Orthodoxie fehlt der lebendige jüdische Geist. Daraus resultieren alle traurigen Erscheinungen» die wir an ihr feststellen mußten. Schon Samson Raphael Hirsch hat dies erkannt und auch dagegen gekämpft. Seine Bemühungen sind aber als völlig gescheitert anzusehen. Die von ihm erstrebte Durchdringung des gesamten Lebens mit jüdischen Inhalten ist nicht vorhanden; das Gegenteil ist vielmehr der Fall. Nichts törichter, als hierin etwa einen Zufall sehen zu wollen. Samson Raphael Hirschs Versuch mußte scheitern, weil Hirsch ein absolut verkehrtes Mittel angewandt hatte. Er sah!, wie wenig jüdisch Geist, Herz und Seele der orthodoxen Juden war. Und diesem Mangel glaubte er dadurch am besten abhelfen ziu können, daß er den ganzen Alltag mit jüdischen Formen ausfüllte. Er hielt es für sicher, daß dann die Fülle der Aeußerlichkeiten auch das innere Leben in ihren Bann ziehen würde. Doch das Umgekehrte trat ein: der orthodoxe Jude, in Wirklichkeit völlig assimiliert, glaubte jetzt erst recht alle seine Pflichten gegenüber dem Judentum zu erfüllen, wenn er nur an den Formen festhielt, und konnte sich nun mit ruhigem Gewissen alle seine Werte im Deutschtum suchen. An Hirschs Fehlern können wir den rechten Weg lernen. Was nottut, ist nicht eine Ueberhäufung mit jüdischen Formen und Formeln, sondern das Hineinsenken eines neuen Gedankens in die erstarrte Orthodoxie. Sobald das aufwachende Kind des orthodoxen Hauses eine Idee kennen lernt, die stark genug ist, es zu packen und auszufüllen, und sobald diese Idee mit dem