Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Der Jüdische Student bilden bei dem orthodoxen Juden in Deutschland eine physikalische Verbindung, während sie eine chemische Verbindung bilden sollten. Diese Weltfremdheit (in des Wortes buchstäblichem Sinne) äußert sich überall; man sieht sie in ihrer erschreckendsten Deut' Itchkeit im Religionsunterricht. Es lohnt, darüber einige Worte zu sagen. Der Zweck des orthodoxen Religionsunterrichts soll sein, dem Kinde das Judentum so nahe zu bringen, daß es sein ganzes Leben nicht mehr davon lassen kann. Es gab eine Zeit, in der man glaubte, dem Kinde könne nur dann etwas eingeimpft werden, wenn es mit diesem Gegenstand möglichst den ganzen Tag über gequält würde. Der Typ dieses Pädagogen ist die Dekannte Schulmeistergestalt, das Produkt dieser Erziehung war — auch ein Schulmeister. Diese Methode ist in Europa überall glücklich überwunden, nur bei der Qrthodoxie nicht. Selbst der pedantischste preußische OberlehreY iwird heute seinen dümmsten Schüler nicht in der Weise aus einer fremden Sprache übersetzen lassen, daß nacheinander jedes Wort für sich deutsch hergesagt wird; aber sein Erbe hat die jüdische Orthodoxie übernommen. Und dies richtet die ganze Art des Orthodoxen: bei all der Mühe, die er auf die Erlernung des Hebräischen verwendet, obwohl er die ganze Bibel durchübersetzt, sie fortwährend liest, obwohl er täglich dreimal betet, trotz alledem wird er nicht imstande sein, sich fünf Minuten in hebräischer Sprache über das Wetter zu unterhalten. Man kann mit ruhigem Gewissen versichern, daß es kaum einen Schüler einer orthodoxen Religionsschule gibt, dem beim Unterricht die Schönheit der Bibel aufgegangen wäre. Diese Weltfremdheit führt unweigerlich zu einer völligen Erstarrung. Und in der Tat: ganz abgesehen davon, daß die Orthodoxie nicht imstande ist, irgendwelche Werte zu schaffen — sie ist heute in Deutschland zu einer Sekte geworden, sie ist bald nur noch eine große Familie, von der täglich neue Glieder abfallen. Das ist der Anfang vom Ende. Doch was nützt es, die Fäulnis aufgedeckt zu haben, wenn man nicht auf Heilung bedacht ist? Um die kranke Stelle von Grund auf gestanden zu lassen, tut es not, die Wurzel des Uebels bloßzulegen. Wir müssen dazu die Entstehungsgeschichte der deutschen Orthodoxie in ihrer heutigen Form1 betrachten. Vor kaum 150 Jahren war die gesamte deutsche Judenheit in genau demselben Maße und Sinne volljüdisch, wie die osteuropäische Judenheit es heute noch ist, d. h. für den Juden kam' von Anfang an nur eine Möglichkeit des kulturellen Lebens in Betracht: das jü* dische. Aus der Mendelssohnschen Bibelübersetzung lernte die jüdische Jugend deutsch und gewann auf diese Weise einen Ausblick auf die bisher völlig unbekannte Kultur des Volkes,