Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student 15 Die deutsch-jüdische Orthodoxie von heute Von Abraham Horodisch (V. J. St. Hasmonaea), Berlin In einem Aufsatz über die Judenfrage wurden jüngst die deutschen Juden in drei Klassen eingeteilt: die Orthodoxen, die Zionisten und die „Anderen". (Die vierte dort noch genannte Klasse der Getauften kommt für diese Betrachtung nicht in Frage.) Diese Einteilung ist zwar politisch sehr oberflächlich1, doch phychologisch ist sie durchaus richtig: die Orthodoxen sind diejenigen, die jüdische Werte von Haus aus besitzen und sie pflegen, die Zionisten streben nach jüdischen Werten, die „Anderen", das sind alle die, die jüdische Werte negieren, sich um sie nicht kümmern, kurz in keinerlei innerer Beziehung zum Judentum stehen. Die Tatsache, daß die orthodoxen Juden die einzigen in Deutschland sind, die von Hause, eine gewisse Dosis Judentum mitnehmen (zionistische Häuser sind leider noch sehr selten!), birgt für sie eine Verpflichtung in sich*). Die Verpflichtung nämlich, in dieser Zeit, in der neunzig Prozent der deutschen Juden wenn nicht äußerlich, so doch innerlich vor .der Taufe stehen, ihr Judentum nach Möglichkeit zu pflegen und zu propagieren. Die Orthodoxie hätte für den assimilierten deutschen Juden einen Weg finden müssen, auf dem er zum Judentum zurückkehren könnte. Und sie hätte dafür sorgen müssen, daß möglichst viele Juden diesen Weg beschreiten. Dann hätte die Orthodoxie ihre Pflicht getan. Wie steht es aber damit in Wirklichkeit? Die Orthodoxie hat diese ihre Pflicht vollkommen Versäumt. Ja, das Gegenteil dessen, was hätte kommen sollen, ist eingetreten. Täglich, stündlich verlassen Dutzende »d as orthodoxe Lager. Und ist die Unfähigkeit, neue Menschen zu gewinnen, schon ein trauriges Zeichen, so ist dieser absolute Rückschritt doppelt schlimm. Dieser Zustand der deutschen Orthodoxie ist natürlich kein Zufall. Das Judentum ist keine „Konfession", es ist eine in Tat umgesetzte Ethik und verlangt als solche mehr als bloßes Einhalten von Formen; es verlangt ein völliges Verschmelzen des gesamten Lebens und Erlebens mit seinen Inhalten; das Judentum soll ein organischer Teil des Menschen werden. Und diese wesentliche Forderung vermag eben die Orthodoxie nicht m erfüllen. Für den orthodoxen Juden besteht das Gjesamtleben aus zwei Stücken, die nichts miteinander zu tun haben: dem religiösen und dem profanen Leben. Oder in naturwissenschaftlichem Bilde gesprochen: Das religiöse und das profane Leben *) Der Begriff „Orthodoxie" soll hier nicht das gesamte gesetzestreue Judentum* umfassen: er gilt vielmehr nur für die deutsche Orthodoxie, er gilt z. B. absolut nicht für das religiöse Judentum in Rußland, welches durchaus verstanden hat, sich ein lebendiges jüdisches Leben zu bewahren.