Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 7 halb ist die Wertung der Menschen bei uns eine so andere als sonst im westlichen Judentum: es ist nicht der Geschickteste, Intelligenteste, der Begabteste, den wir lieben, wir beurteilen unsere Weggenossen nicht nach dem, was sie erreichen; aber der Glut des Herzens, der heißen Liebe zu unserem Ideal müssen sie fähig sein. Satte Behaglichkeit, dumpfes Sichgenügen findet keinen Platz bei uns. In jüdischen Dingen gibt es für uns kein „sine ira et studio". Die verächtliche Objektivität der Assimilanten lehnen wir ab. Mag man Gleichgültiges leidenschaftslos erwägen, mögen Repräsentanten, Rabbiner, Wohltäter vornehm über die Zukunft des Judentums diskutieren — von uns erwarte man anderes! Denn -unser Kampf heischt unser ganzes Sein; Niederlage heißt uns Vernichtung. Wir . schonen uns selbst nicht; sollten wir anderer Empfindlichkeit schonen? Wir bringen jedes Opfer; sollten wir nicht einmal die Ruhe derer opfern dürfen, die keines Opfers fähig sind? Es gibt für uns kein Rückwärts und kein Seitwärts, nur ein Vorwärtsstreben zum Ziel. Das heißt uns Disziplin, daß jeder seine Wünsche, seine Empfindungen, all sein Streben und Denken der großen Sache einordnen muß. Deshalb ist man bei uns nicht nur ein paar Semester aktiv; wir fordern das ganze Leben und den ganzen Menschen. So jung wir sind, so gering unsere Zahl, so klar ist uns die Bedeutung unseres Daseins: voranzuschreiten, damit die Säumigen und Lauen, die heut noch Gleichgültigen folgen. Wir sind Soldaten, die zum Entscheidungskampfe rüsten. Die jüdische Welt ist in Bewegung, wie nie zuvor; östliches und westliches Judentum, eben einander noch weltenfern, treten in enge Berührung. Wer zählt die Möglichkeiten, die sich ergeben? Wir aber fühlen uns als Träger der Zukunft des jüdischen Volkes. Unser Programm heißt: Rückkehr zur Natur, der wir in jedem Sinne allzu lang entfremdet waren. Wenn aber unser Volk sich wieder natürlicher Lebensbedingungen erfreut, dann wird auch die Diaspora nicht mehr verloren sein: denn auch jene, die nicht heimkehren konnten, werden ihres Judentums wieder froh werden, das sie unverlier- ±>ar im Blute tragen.