Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Der Jüdische Student was jeder Wilde als selbstverständlich fühlt: glücklich und groß ist nur ein freies Volk in freiem Lande, dessen Erde es liebt, weil es sie in harter Arbeit immer neu erwirbt. Aus dem dürren Boden der Verbannung sprießen wohl flüchtige Blumen, aber keine Bäume, in deren Schatten es sich leben läßt; und die Psalmisten und Propheten und der Dichter des Hohen Liedes, der Denker des Buches Hiob und der freundliche Erzähler des Buches Ruth lebten in Kanaan, oder sie hätten nie gelebt. Ist es doch so, daß wir heute, da wir jüdischem Empfinden jüdische Inhalte;geben wollen, nichts Besseres, nein, nichts Anderes finden können als die Sprache und das Buch unserer Ahnen, das Erbe, das sie aus der verlorenen Heimat retteten. — Die Wiedergeburt des Judentums ist uns untrennbar mit Palästina verknüpft. Alle Arbeit im Galuth, so nützlich, so notwendig sie sein mag, ist nur Vorarbeit für die Zeit, da ein Ueberrest Judas sich wieder zurückfindet nach der alten Heimat. Es ist nicht unsere Art, uns mit Ergründen oder Erfühlen zu begnügen. K. J. V.-er-tum heißt, aus Ueberzeugungen Pflichten herleiten. Schwierigkeiten dürfen uns nicht schrecken. War früher mancher Weg ungangbar, so ist das der erste, große Erfolg unseres Bundes, daß wir in der Gemeinschaft ein starkes Mittel fanden, aller Hindernisse Herr zu werden. Das ist uns Bundesbrüderlichkeit, das bindet uns mit festeren Banden als alle sonst wertvollen Formen und Herkömmlichkeiten des Komments, daß wir einander stützen können, wenn die Kraft des Einzelnen versagt, daß sich immer wieder der Wille des Schwächeren zum Judentum an dem Willen der Starken entzündet. Weil wir Kameraden und Kampfgenossen sind, vertrauen wir einander, treten wir füreinander ein bis zum letzten. Aber wir sind auch Strebende, denen es bitter ernst ist um das gemeinsame Ziel, und wir scheuen den Kampf nicht, wenn er uns der heiligen Sache wegen nötig erscheint. Wir stehen gut genug miteinander, um einander nicht schonen zu müssen, wenn es um unsere Sache geht, und wir sehen gerade darin einen höheren Ausdruck von Bundesbrüderlichkeit. Es gibt keine Uniformierung der Geister im K. J. V. — deshalb eben keinen „Typ K. J. V.-er" — sondern jene Gleichartigkeit des Willens, auf der die Achtung und Treue beruht, die wir unabhängig von dem Streit der Meinungen einander zollen. Des-