Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3537599-3537613-3537620--3799-3541538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Jüdische Student 5 so stark ist, daß er den Pfad zurückfindet zum Boden seines Volkstums, den er nur zu berühren braucht, um wie jener Riese Antaeus unüberwindlich zu werden. Das aber ist das Problem auch unseres Lebens. Ein jeder von uns steht am Scheidewege; h i e r locken alle Güter westlicher Kultur, ein ganzes, reiches Menschentum — aber es ist eine Fata Morgana, die entweicht, wenn man sie zu greifen meint; dort führt die Straße steinig und steil empor und endet in der Begrenzung, jüdischen Volkstums — aber es ist ein sicheres Heim, und gerade durch seine Begrenztheit geräumig genug, die ganze Welt zu fassen. Denn es ist das Wesen jedes echten und starken Nationalismus, daß nicht er sich der Kultur der andern, sondern diese Kultur sich anpaßt, daß nicht er nur fremde Art bereichert, sondern Bereicherung durch die Gaben der anderen findet. Darum wehren wir uns gegen den Vorwurf, daß wir die Mauern eines neuen Ghettos um uns errichten, daß wir in der Beschränkung unseres Strebens arme Menschen werden würden. Wohl wäre auch dies Opfer nicht zu groß, wenn es gebracht werden müßte, um das Dasein unseres Volkes zu erhalten. Aber das wird gar nicht verlangt: wir geben nichts auf und geben auch nicht uns selbst auf; und die Frage ist lediglich, ob das Galuth ein Leben erlaubt, das die Eigenart und die Existenz unseres Volkstums wahrt. Antwort gibt die Geschichte, gibt der stets bewährte Instinkt unseres Stammes. Denn es ist nicht denkbar, daß stark und unverlierbar durch Jahrtausende jüdische Herzen die Liebe zum Lande der Väter, den Drang nach der Heimat im Orient bewährt hätten, wenn nicht das Gefühl stets wach gewesen wäre, daß die Fremde unser Unglück, Erstarrung oder Zersetzung, Erez Israel aber Kraft, Glück und Zukunft des Judentums bedeutet. Ja, unser Volk wäre längst dem Untergang verfallen, wenn nicht seine Seele stets dort ihre heimliche Heimat gehabt hätte; überall verkümmerte der Stamm, wo die Wurzeln nicht fest in diesem ewigen Mutterboden unserer Art hafteten. Wäre nicht dem westlichen Judentum unserer Tage unter dem Wust der liberalen Phrasen jedes natürliche und gesunde Empfinden verdorben, man brauchte wahrlich nicht zu predigen,