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Der jüdische Student · 1917-01-01 · Sommer-Semester (1917) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
13 (1916-1917)
Issue
Sommer-Semester (1917)
Date
1917-01-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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4 Der Jüdische Student auch wir den Säbel zu führen, wir geben und fordern Satisfaktion — aber wir fühlen auch, daß unser Wert nicht leiden und das Wesen unserer Gemeinschaft sich nicht ändern würde, wenn wir dem Beleidiger nicht die Ehre antun würden, die Klinge mit ihm zu kreuzen. Wir suchen und finden unseren Wert und die Wertung in uns selbst, unsere Ehre in unserer Gemeinschaft. Das ist ja das Unglück der Menschen, die nicht sind wie sie sein wollen und nicht sein wollen wie sie sind, daß sie stets abhängig bleiben von anderen; und die Geschichte des jungen Tonio Kröger, die Thomas Mann klug und gütig erzählt, ist auch uns Juden geschrieben. Denn auch wir sind stets allein unter Menschen, die uns nicht gleichen, ohne Rückhalt an einer Gemeinschaft, die unserem wahren Wesen entsprechen würde. Und auch wir sehnen uns danach in der Masse zu verschwinden, einmal so zu sein wie alle um uns, einmal von ganzem Herzen zu jubeln mit ihnen und zu trauern, wenn sie trauern; auch wir empfinden eine schmerzliche Liebe zu jener kühlen, selbstverständlichen Art, zu der wurzelhaften Gelassenheit der anderen. Das nämlich ist unsere wahre Not, die der Assimilant sich nicht gesteht, weil er die Heilung nicht will, die sdhon mit dem Geständnis beginnen würde: daß wir dieser Liebe mit unseren Fehlern auch unsere Vorzüge opfern, mit dem Niedrigsten auch unser Heiligstes daran geben, um eine Sehnsucht zu befriedigen, die sich nie erfüllen wird. Das ist die Tragik Heines, der das Entreebillet zur europäischen Kultur zu teuer mit dem wertvollsten Teil seiner schöpferischen Kraft bezahlte, oder des jungen Weininger, der an seinem' Judentum, das er glühend haßte, zugrunde ging, weil er die Kette, die ihn damit verband, nicht los werden konnte. Denn diese Assimilation der Herzen — muß ich von der gedankenlosen und niedrigen Assimilation reden, die der Feigheit, der Dumpfheit des Geistes, 3er materiellen Gier entspringt? — ist das Verhängnis gerade unserer Besten. Uns könnte ein Bismarck, ein Goethe, ein Beethoven, uns könnte ein Moscheh oder Jesajas geboren werden, und er würde, zwischen die Rassen gestellt, eine verblühende Hoffnung, nie eine Erfüllung werden. Es sei denn, daß er sein Herz zu zwingen weiß, daß sein Wille zur Einheit, zur Geschlossenheit.

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