Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 13. Kriegsheft (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-16
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 357 nämlich als Mittel zur Heranbildung eines für Palästina reifen Geschlechts. Unsere Aufgabe ist es von jetzt ab, aus einer Epoche, die dem Ausbau der Form diente, alle diese Ansätze zum tätigen Ausbau unseres zionistischen Programms mit in unsere nächste Zukunft hinüberzunehmen und vorzubereiten auf die Arbeit nach dem Kriege, die da heißen muß: Verinnerlich ung unseres Wissens vom jüdischen Volk und seiner Sprache und seinem ganzen geistigen Leben, die Vergegenständlichung unseres Strebens zu ihm hin; in es hinein, — im gleichen Schritt damit aber Prüfung und Verbesserung unseres korporativen Lebens. Der Grundzug dieser Arbeit insgesamt ist: unsere Selbsterziehung zu jüdischen Bürgern der Gemeinschaft in Palästina. Ueber den erschreckenden Mangel unserer Kenntnis des jüdischen Ostens, seiner Menschen, ihrer Sprachen und ihrer Lage, und was noch schlimmer ist: über den Mangel unseres Verständnisses für sie ist gewiß auf dem K. J. V.-Tag viel gesprochen worden. Und über die Notwendigkeit, unsere ganze Erziehung, die des nationalen Bewußtseins und Verantwortlichkeitsgefühls, ebenso wie unsere Erkenntnisquellen von Grund auf zu vertiefen, wird ja, wenn wir alle wieder zu Hause sind, noch viel zu reden sein. Ueber meine persönlichen Erfahrungen möchte ich an dieser Stelle, zumal ich bisher nur eine einzige russische Judengemeinde kennen zu lernen Gelegenheit hatte, nur ganz wenig sagen. Ich bin im Laufe der acht oder neun Monate, die ich in einem Nest in der Gegend von Baranowitschi verbracht habe, nur ein paar Mal in diesem Städtchen gewesen, zur Hauptsache einmal beim Feldgottesdienst zu Pessach und einmal zu Jomkippur. Ich kann es schwer beschreiben, wie tief bei jener ersten Gelegenheit in mir das Bewußtsein und das Hochgefühl erwachte, plötzlich aus rauher Fremde in eine Heimat gekommen zu sein. Ich sage nicht: in meine Heimat, denn die einzelnen Juden blieben mir doch ziemlich fremd, obwohl ich ihre Sprache sprechen und ihr religiöses Leben mitleben kann; ich gestehe offen, daß eigentlich ein Gesprächsstoff oft recht schwer oder gar nicht ordentlich zu finden war. Und doch war es eine Heimat, ich fühlte mich bei nächsten Verwandten, bei Menschen, zu denen ich mich ganz rechnen konnte, wenn ich nur unter ihnen und in ihrer Lage lebte, bei Menschen, zu deren Elend mich nicht Mitleid, sondern Blutsliebe und gemeinsames Leiden hinzog. So fühlte ich mich bei den Chassidtm tausendmal tiefer berührt und auch heimischer als beim Feldgottesdienst, obwohl oder gerade weil der in heimischen Formen vor sich ging. Und so kam es, daß ich mich, als ich zu Jörn ' Kippur nach Baranowitschi fuhr, mehr auf die Baranowitscher