Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 13. Kriegsheft (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-16
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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352 Der Jüdische Student waren sie ohne den so viel angefeindeten Aufruf geradezu unmöglich. S^e sind erklärlich als Reaktion auf den Aufruf. Der Palästüaaufruf hat uns alle gezwungen, über unser Leben hier nachzudenken und uns klar zu machen, ob und inwieweit unser Leben hier mit den Forderungen eines tief innerlich erfaßten Zionismus im Einklang steht oder in Einklang zu bringen ist. Und da haben Hirsch und Blumenfeld sich nach langea Kämpfen entschlossen, das Oolus zu bejahen, und in dem Jüdischer-werden hier, in der Konkretisierung unseres jüdischen Lebens im Oolus glauben sie, eine Lösung gefunden zu haben oder wenigstens den Weg zu einer Lösung! Mir scheint es, als ob wir auf dem besten Wege sind, uns zu verirren. Gewiß weiß ich, daß nicht alle Zionisten nach Palästina gehen können und wollen. Und ich weiß auch, daß die Uebersiedlung nach Palästina an sich noch nichts bedeutet. Daß wir dort ebenso Assimilanten bleiben und werden können wie in Berlin oder Warschau. Der Grund, aus dem ich mich gegen das Suchen nach neuen, jüdischen Formen im Golus wehre, ist ein ganz anderer. Ich hatte in den Monaten des Krieges Zeit und Gelegenheit genug, in mich zu schauen, und bin erschrocken, wie tief ich assimiliert bin, und glaube, das auch auf die Mehrzahl der Bundesbrüder ausdehnen zu dürfen. Diejenigen, die nie aus ihrem selbstgeschaffenen Arbeits- und Freundeskreis herausgekommen sind, können nach meinem Dafürhalten nur Theoretiker sein. Sie sind sicher subjektiv ehrlich, wenn sie von der Verbrüderung des gesamten Judentums sprechen, aber sie ahnen nicht, daß es etwas ganz Anderes ist, im Volksheim mit russischen Juden zusammenzukommen, ihnen dort geistig und materiell als Lehrende, als Führer gegenüber zu treten —, als unser Leben mit ihnen zu leben. Wie wenig diese Bundesbrüder sich darüber klar smd, sieht man daraus, daß sie stets wieder aufs neue betonen, sie seien von deutschem Wesen erfüllt, hätten sich an Goethe und Schiller, an Kant und Schopenhauer, Fichte und Ranke und Meinecke gebildet, und es sei ein Wahnsinn, von ihnen zu fordern, sie sollten diese Werte in sich ausscheiden, ihre eigene Jugend entheiligen. Diese Bundesbrüder stieben danach, ihre* Jugend nicht zu entheiligen und doch, da sie nicht frei werden können oder wollen, in Deutschland Jude zu werden. Sie fordern das Erlernen der hebräischen Sprache, die tiefere Kenntnis des Ostjudentums und der jüdischen Geschichte. Dazu sei folgendes bemerkt. An dem Vermögen, sich das erste und dritte anzueignen, zweifle ich nicht. Mit ein klein wenig Energie ist es möglich, und wenn wir es für gut und richtig erkannt haben, dann ist der ebenso als Mensch und Zionist wertlos und daher als Bundesbruder nicht zu gebrauchen, der nicht die Energie aufbringt, hebräisch bis zur vollkommenen Be-