Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 13. Kriegsheft (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-16
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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346 ' . Der Jüdische Student Kraft verfügt, ein Leben ohne Inhalte zu leben, ein Leben dessen einziger Inhalt eine Tendenz, ein unbestimmtes Sehnen ist. Blumenfeld weiß, daß der Blütentraum Palästina nur für ganz wenige reifen kann. Er weiß, daß Palästina heute für akademische und kaufmännische Berufe wenig Möglichkeiten bietet; er betont, daß Zionisten, die als Bauern übersiedeln wollen, mit der Möglichkeit zu rechnen haben, dabei zu Grunde zu gehen; denn er erzählt uns ja selbst, daß Ruppin diesbezügliche Anfragen grundsätzlich ablehnt, da er die Verantwortung nicht tragen könne. Kann also eine Erziehung, wie sie Blumenfeld vor dem Kriege für richtig befand, ein anderes Resultat zeitigen,, als das, alle seinem Einfluß unterliegenden Bundesbrüdei; zu unglücklichen, innerlich gebrochenen Menschen zu erziehen? Hat nicht Krojanker recht, wenn er Blumenfeld fragt, ob er sich stark genug fühle, für das Resultat einer derartigen Erziehung die Verantwortung zu tiagen? Der Blumenfeld, der am 1. Oktober zu uns sprach, ist ein anderer als der, den wir vor dem Kriege kannten. Noch lange nicht der, der uns den Weg zeigt, den wir gehen müssen; doch weit näher denen gerückt, die seinen Lehren ablehnend gegenüberstanden. Er ringt um jüdische Inhalte. Er strebt danach, den Nationalismus, der, als nur abstraktes Gebilde, ihm selbst nun nicht mehr lebenswert erscheint, zu konkretisieren, wesenhafter zu machen. Er lehnt den Blumenfeld von gestern in einem entscheidenden Punkte ab. Dies iot eigentlich das einzig Neue, das uns Blumenfeld in seinem Vortrage gebracht hat, daß er zu der Erkenntnis gekommen ist, daß es auf dem bisherigen Wege nicht weiter gehen könne. Er lehnt die ganze bisherige Betrachtungsform, die sich an fremde Vorbilder anschloß, ab und erkennt, daß wir zu einem vertieften jüdischen Nationalismus niemals von außen her, sondern nur von innen heraus gelangen können. So sehr wir uns ob dieser offenbar aus dem Erleben dieses Krieges resultierenden Erkenntnis Blumenfelds freuen, so schmerzlich waren wir doch enttäuscht, daß auch dieser Rede die greifbaren Richtlinien fehlten und daß wir nach wie vor von ihm nicht gehört haben, wie unser Nationalismus wesenhafter zu gestalten ist. Die nicht neuen Vorschläge, hebräisch zu lernen und die Bibel als ein nationales Buch zu lesen, werden Blumenfeld auch nicht sehr betriedigt haben. Biumenfeld ist sich auch durchaus bewußt, daß er nichts Entscheidendes gesagt hat, und er betont ausdrücklich, daß er noch auf der Suche ist nach der befre enden Lösung. „Es wird eine führerlose Zeit anbrechen; die Euch bisher geleitet haben, stehen selbst vor ungelösten Problemen, sie werden Lehrende und Lernende zugleich sein." So etwa sprach Blumenfeld, der geistige Führer des Kartells. i