Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 13. Kriegsheft (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-16
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537613-3537619--3758-3541496- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Jüdische Student 345 gemacht, daß alle unsere Glückmöglichkeiten in dem Vollzug eines von Judentum durchtränkten Lebens liegen. Blumenfelds leidenschaftlichem Ethos verdanken wir es nicht zum wenigsten, daß wir wieder glauben gelernt haben, daß der Zionismus uns eine Art religiöses Erlebnis geworden ist. Wir glauben an die Zukunft unseres Volkes, weil wir sie mit der ganzen Glut unseres Herzens wollen. Wir sind zum Kampfe mit dem Schicksal bereit, unabhängig davon, ob es uns gelingt, es zu zwingen. Der Zionist, dem der Zionismus einziger Sinn seines Lebens ist, hat es verlernt, von persönlichen Opfern zu sprechen, da er auf überindividuelle Zusammenhänge eingestellt ist. Je restloser, je unbedingter wir uns hingeben, um so entscheidender bejahen wii unser eigenes Leben. In dieser Grundstimmung stehen die besten und wertvollsten unter den Jüngeren geschlossen hinter Blumenfeld. Es darf jedoch einmal klar ausgesprochen werden, was einen Teil der Jüngeren von Blumenfeld trennt. Es muß dabei allerdings scharf geschieden werden zwischen dem Blumenfeld von gestern, dem Blumenfeld vor dem Kriege, und dem Blumenfeld von heute, der auf Grund neuer Erkenntnisse und neuer Erlebnisse den Blumenfeld von gestern zu einem beträchtlichen Teile ablehnt. Das, was mir an Blumenfeld vor dem Kriege so sehr ablehnenswert erschien, war die Tatsache, daß er uns lehrte, alle Brücken hinter uns abzubrechen aber doch nicht fähig war, neue brauchbare aufzubauen, daß er uns die Notwendigkeit vor Augen hielt, gegen den Strom der Entwicklung zu schwimmen, unsere durch die Geschichte scheinbar natürliche Entwicklung willensmäßig zu negieren, aber uns für die zu fordernde menschliche Neuorientierung und Neuwerdung nur unklare Richtlinien, nur Tendenzen gab. Das Grundmotiv aller Reden Blumenfelds war die Anschauung, daß die Tendenz, die willensmäßfge Einstellung das wesentliche sei, fähig, die fehlenden Inhalte zu surrogieren. Wie sehr sehnten wir uns, aus seinem Munde ein von abstraktem Wust freies, klares und best'mmtes "Se Haderech" zu hören! Er gab uns ein wundervolles vergeistigtes System des Nationalismus, das er fiemd-nationalen Meistern entlehnte, und das er glaubte zur Begründung und Vertiefung unseres Naiionalismus verwerten zu können. Unsere Füxe lernten ihren jüdischen Nationalismus bei Fichte, Meinecke und DostojewsKi. Als ob unser eigen gearteter Nationalismus die Analogie vertrüge! Der Nationalismus war abstrakt, die jüdischen Inhalte fehlten. Konnte Blumenfeld wirklich glauben, daß er uns mit seinen < künstlerisch vollendeten Reden mehr gab als einen großen Rausch, dem mit zwingender Notwendigkeit für die große Mehrheit unserer Bundesbrüder die tiefe Ernüchterung folgen mußte, da sie nicht über die