Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 10. Kriegsheft 10 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Der Jüdische Student hier einen jüdischen Geist zu erzeugen, an dem bereits ganz bestimmte positive Werte erkennbar sind, positiver jedenfalls, als wir sie Aelteren besitzen, — ohne daß man ihm menschliche Verarmung vorwerfen dürfte. Das Hebräische hindert nämlich niemand, wiedie beiden Artikel scherzhafter Weise anzunehmen scheinen, sich mit Goethe zu beschäftigen; man kann deutsche Klassiker auch nach Palästina mitnehmen, nur trägt solche'Beschäftigung allerdings bereits ein anderes Gepräge. Bloch hält seine ganz persönliche Hingebung an die deutsche Kultur für die einzig mögliche Art, sie aufzunehmen — wie aber, wenn für diese Jugend die deutsche Lokalfarbe schon ihre Macht verloren hat, wenn sie sich mit Anna Karenina nicht weniger als mit Gretchen identifiziert, wenn das Deutsche nicht mehr der Inhalt, sondern e i n Inhalt ihres Erlebens wurde? Das Verhältnis hat sich wirklich einigermaßen umgekehrt:in dieser Jugend lebt Palästina als die Möglichkeit, zu der alle anderen Bemühungen hinführen müssen und hinter der die Freuden des Golus an Wert zurücktreten. Eine solche Selbstverstümmelung scheint uns, gesetzt auch, sie müßte auf einige-Nüancen der Kultur verzichten, dem wahren Leben schon näher zu kommen als eine Selbstbewahrung, die vom Eigenen rettungslos zum Fremden führt; was hier an Umwelt verloren geht, wird an jüdischem Empfinden reichlich wieder eingebracht. Und zugegeben, daß damit ein volles Menschentum noch gewiß nicht erreicht ist, wer darf behaupten, es im Golus überhaupt zu besitzen? Und wem von uns ist jemals eingefallen, in der Uebersiedlung nach Palästina schon, das Heil für die Persönlichkeit zu sehen? Gerade die Gegner des „Radikalismus" verlangen von Palästina einen vollwertigen Ersatz für das, was sie hier aufgeben, und lehnen diese Lösung; ab, weil sie für Opfer irgendwelcher Art nichts übrig haben. Die Jugend denkt auch hier bescheidener, sie gibt erheblich* weniger auf, und es genügt ihr schon, in Palästina mit ihrem: Volke lebendiger verbunden zu sein und ihren Kindern ein größeres Gleichgewicht zu hinterlassen, als ihrer eigenen Persönlichkeit selbst Palästina gewähren kann. Dem Deutschtum freilich* (nicht der Kultur) wird sie dadurch entfremdet. Es hat nur keinen Sinn, mit Bloch zu streiten, wer der Entwurzeltere ist, und ob es angeht, seine Kindheitserinnerungen und seine zufällige Heimat, an denen man gewiß sehr hängen kann, mit der ungleich tiefer erlebbaren Volksheimat zu verwechseln. Aber Bloch sollte wenigstens diese ihm unverständliche Liebe zum Eigenen nicht obendrein als parasitär verdächtig machen. Ich brauche nach* dem Gesagten nicht zu untersuchen, woran ich den Parasiten erkenne, ich möchte nur die Untersteilung zurückweisen, als müßte jeder „anständige Mensch" auswandern, der das Blochsehe Verhältnis zur deutschen Kultur nicht mehr besitzt. Der Staat hat einftecht nur über die Leistung^nicht über die Persönlich-