Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 10. Kriegsheft 10 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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246 Der Jüdische Student ohne den ganzen Einsatz jedes Einzelnen, die Gesamtheit eine jüdische Wirklichkeit schaffen werde, daß sich also eigentlich* niemand der Nationalisierung entziehen könne. Einen solchen Fatalismus dürfen wir uns gewiß nicht gestatten, sondern da. uns die nationale Geschlossenheit verloren ging und wir eine neue noch nicht besitzen, so wird jede Generation im Golus immer wieder vor die große Wahl gestellt: sie muß entscheiden, welcher Möglichkeit in sich sie mehr vertraut, der jüdischen oder der andern. Bevor es einen Zionismus gab, blieb dem Einzelnen freilich nichts übrig, als sich wohl oder übel der Umwelt anzupassen, und der K. C. stellte immerhin eine edle Form dieser Anpassung dar. Aber die radikale Umwertung des Zionismus, seine Tiefe und sein Glück besteht gerade darin, daß er uns die Wahl wieder in die Hand gibt, daß wir nicht mehr auf Tod. und Leben einer KuUur verfallen sind, in der wir zwar geboren, in die wir aber nicht hineingeboren werden. Man kann gewißauch anders wählen. Auch der Zionismus gewährt keine Sicherheiten, und selbst wenn man mir die Zerfahrenheit unserer bisherigen Bemühungen im Deutschtum zugibt, hofft ja der Liberalismus gerade auf Grund solcher Ansätze, eines Tages voll und ganz zu werden. Es ist natürlich leichter, sein Stückchen Goluswohlsein zum Fundament seiner Träume zu machen als an eine durch Konkretes nicht belegte jüdische Zukunft zu glauben. Hier steht Glaube gegen Wirklichkeit, eine Idee gegen eine Tatsache, und das macht die Entscheidung so schwer, so unbedingt und so gefahrvoll. Mit Beweisen ist da nichts getan, ich kann niemand zu der Einsicht zwingen, daß das Ziel deutscher Mitarbeit bestenfalls nur auf Kosten alles Jüdischen erreicht wird und daß unser Volk ein Recht darauf hat, am Leben zu bleiben. Die wirkliche innere Entscheidung kann nur von der instinktiven Liebe und dem Willen zum Eigenen, auch wo es schlecht wurde und sein Edleres verbirgt, gefunden werden. Wer dagegen einwendet, mit solchen Richtlinien allein könne man eben nicht bestehen, der hat die Entscheidung noch nicht erlebt, der überschätzt die Inhalte und verkennt die Tragfähigkeit des nationalen Willens. Die nationale Idee ist für uns allerdings nicht wie für andere Völker eine Selbstverständlichkeit, die immer befruchtend wirkt und niemals sterben kann. Bei uns kann sie sterben, nichts ergibt sich von selbst aus ihr, sie vermag nur den Willen zum Volk zu wecken und muß es ihm überlassen, das Nichts zu einem Etwas umzuschaffen. Und. trotzdem gewinnt die Idee, sobald der Wille einmal geweckt ist, paradoxer Weise ein mehr als rein gedankliches Leben: es zeigi sich, daß sie jene nationale Atmosphäre sozusagen schon, für ihn bereit hält, die er ihr eigentlich erst zuführen soll, und daß sie auf seine Entschließungen schon von sich aus eine immer konkretere Macht ausübt. Hier besteht die gleiche