Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 10. Kriegsheft 10 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3537599-3537613-3537616--3654-3541389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
244 Der Jüdische Student treter herauszuholen, dessen Existenz mir übrigens erst bewiesen werden muß, genügt nicht, um das Innenleben zahlreicher Bundesbrüder so überlegen zu verdächtigen. Mir scheinen im Gegenteil^ seine und noch mehr freilich Blochs Ausführungen von opportunistischer Zuversicht getragen zu sein, während der Aufruf die gärende Sehnsucht einer Jugend verrät, die unsre Lage ungleich tiefer und herzhafter empfindet. Wem ist es denn eingefallen, einen „reinen jüdischen Menschen" zu konstruieren und mit einer „Form ohne Inhalt" leben zu wollen? Auch wir „bekennen uns als Angehörige des deutschen Kulturkreises" und denken und reden in deutscher Sprache; das Hebräische wird wahrscheinlich gerade den Begabtesten, selbst wenn sie es recht gut lernen, nie die lebendig gefühlte Kraft ihrer Muttersprache ersetzen. Unsre tiefsten Erlebnisse haben sich, ehe wir ein nationales Bewußtsein hatten, an deutschen Dichtern entzündet, und aus Denkern wie Schopenhauer lernten wir das Geheimnis der Persönlichkeit. Aber im Gegensatz zu Bloch sind wir weit davon entfernt, in den Wogen dieses Kulturreichtums beruhigt unterzutauchen und als Lösung die flache Einsicht zu verkünden: „Ein jüdischer Mensch mit deutscher Kultur, das bin ich." Im Gegenteil, hier gerade beginnt für uns der „unselige Kompromiß", den Bloch durch diese Feststellung zu beheben glaubt. Der wirklich jüdische Mensch nämlich empfindet, je tiefer er in das deutsche Geistesleben eindringt, immer unmittelbarer, wie wenig ihm doch diese ganze Kultur gehört, wie er eben nur fähig ist, sie zu erleben, aber ohnmächtig, aus Eigenem etwas hinzuzutun, weil ihm die tieferen Voraussetzungen dazu fehlen. Und da uns gerade die Litteratur vorgehalten wird, — woher kommt es denn, daß Künstler wie Wassermann ihre Zuflucht zu einem Goetheschen Stil nehmen müssen und daß ein Talent wie Kerr sich in Stimmungsfetzen auflöst, anstatt seiner Begabung entsprechend ein Kritiker zu sein? Wenn Krojanker solche Fragestellung mit sinnigen Klammern als „(irrsinnige) These von der zerrissenen Seele" bezeichnet, so muß ich annehmen, daß er dort schon eine harmonische Leistung sieht und also leichter befriedigt ist Uns andern genügt es nicht, einem „unsichtbaren Judentum" anzugehören, das sich nach Bloch darin äußern soll, den Geist der umgebenden Kultur mit „verschwindenden Brechungen" zwar, aber „neugeformt" zurückzugeben. Abgesehen davon, daß ich solches Kunststück nicht verstehe, sind die Brechungen für den, der sehen kann, leider gar nicht verschwindend, und zu der Anmaßung, daß wir das Aufgenommene vermehrt zurückgeben, liegt ebenfalls kein Grund vor. Ich habe eine höhere Vorstellung von der deutschen Kultur und finde im jüdischen Schaffen der Gegenwart als übereinstimmenden Grundzug etwas fatal Negatives. Was sich hier darbietet, von Schnitzler bis