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Der jüdische Student · 1916-08-18 · 10. Kriegsheft 10 (18.8.1916) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
13 (1916-1917)
Issue
10. Kriegsheft 10 (18.8.1916)
Date
1916-08-18
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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242 Der Jüdische Student oder Smyrna, so würde ja all dies als „pittoreske" Erhöhung der fremdländischen Reize in den Reisetagebüchern erscheinen. Noch dümmer und unverschämter sind die Behauptungen, die über die Prostitution der polnischen Jüdinnen umgehen. Hier haben wir geradezu ein Schulbeispiel der gewissenlosen Leichtfertigkeit, mit der manche Kreise in Deutschland sich angewöhnt haben, die Dinge zu beutteilen, die sie im Kriege kennen gelernt haben. In den polnischen Industriezentren und Großstädten, in Warschau, Lodz, Wilna usw. gibt es ein jüdisches Lumpenproletariat und gibt es dementsprechend Prostitution, Dinge, die man in Deutschland nicht kennt. Was insbesondere die jüdische Prostitution anbelangt, so weiß man ja, einen wie geringen Prozentsatz die jüdischen Frauen in Westeuropa dazu stellen. Was aber sah der deutsche Soldat, der zur Zeit der Eroberung Warschaus in die Stadt kam? Fast jede Frau, die ihn ansprach, war eine Jüdin, denn nur diese verstanden ja, dank ihrer jüdischen Sprache, genügend Deutsch. Ist es ein Wunder, daß der einfache Mann zunächst auf den Gedanken kommen mußte, jede Dirne sei eine Jüdin? Das ist ja jetzt schon alles anders. Das große Heer der polnischen Dirnen hat schon sehr gute Fortschritte in der deutschen Sprache gemacht, aber der erste Eindruck herrschte doch noch lange nach. Auch jetzt noch ist es natürlich dem deutschen Soldaten viel leichter, Beziehungen zu einem jüdischen Mädchen anzuknüpfen, als zu einer Polin, die ihn ja kaum versteht. Und hier bekommt die Frage noch ein ganz anderes Aussehen. In Scharen ziehen die deutschen Soldaten in Warschau des Abends in die Judenstadt und suchen Verbindung mit jüdischen Mädchen, armen Töchtern eines verarmten Volkes, jungem « Blut, das auch dem Reiz der Uniform zugänglich ist, das auch einmal etwas anderes in seinem armseligen Leben haben will als Hunger und harte Worte. Im jüdischen Theater sitzen die deutschen Soldaten zu Hunderten (das Hauptkontingent seiner Besucher bilden heute die deutschen Soldaten), jeder mit seinem jüdischen Mädchen. Sie verstehen die Bühne und sie verstehen einander. Aber die jüdischen Väter in Warschau kamen zu mir und beklagten sich, daß sie ihre Töchter nicht mehr über die Straße schicken könnten. Es ist nicht wahr, es ist eine schmachvolle Beleidigung, was heute in Deutschland über die jüdische Prostitution in Polen erzählt wird. Es gibt ja doch deutsche Behörden, die amtlich mit diesen Dingen zu tun haben, es gibt Statistiken und Ziffern, die die Wahrheit künden. Mir haben schon die Herren von der deutschen Medizinalbehörde in Warschau versichert, daß nach* ihren Erfahrungen die jüdische Prostitution in der Provinz weit hinter der Verhältnisziffer der jüdischen Bevölkerung zurückbleibt und sie auch in den Großstädten sicher nicht erreicht. Inzwischen habe ich amtliche Ziffern erhalten. Vor mir liegen die „Statistischen Daten über die Tätigkeit der Sittenpolizei in Warschau vom 9. September 1915 bis 31. Januar 1916". In dieser Zeit wurden insgesamt behördlich registriert 1778 Prostituierte. Davon waren katholisch 1372, evangelisch 26, russischorthodox 23, jüdisch 457. Bei einem Bevölkerungsanteil der Juden von 45—50 Prozent der Gesamtbevölkerung machten die in der angegebenen Zeit registrierten jüdischen Prostituierten 25,4 Prozent der Gesamtzahl der registrierten Prostituierten aus, blieben also fast um 50 Prozent hinter der Verhältniszahl der Bewohner zurück. Und in der Provinz liegen die Dinge noch erheblich günstiger; in den kleinen Provinzstädten mit überwiegend jüdischer Bevölkerung ist der Begriff einer jüdischen Prostituierten genau so unbekannt wie in den entsprechenden jüdischen Gemeinden Deutschlands. Wäre es nicht so tragisch, es wirkte lächerlich, immer das Gerede von der jüdischen Prostitution in Polen zu hören, indes die polnische, die in jeder Hinsicht größer, schlimmer, gefährlicher ist, ganz verschwiegen wird. Diese gehört eben zum Bilde einer Großstadt, sie fällt nicht auf, indessen die jüdischen Dirnen als etwas ganz Unbekanntes und Ungewohntes genau so auffallen, wie die polnischen Juden überhaupt. Das Eine steht lest: die Ehre der jüdischen Frau in Polen kann nicht angelastet werden

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