Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 10. Kriegsheft 10 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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240 Der Jüdische Student jedenfalls in ganz anderem Maße als bisher bestrebt sein, ein einheitliches Judentum auch schon vor Palästina und gerade für dieses zu verwirklichen. * * * Die Frage, die Walter Preuß in diesem Artikel behandelt, ist allerdings von fundamentaler Wichtigkeit. Es scheint, daß unsere Erziehung der Probe nicht standzuhalten vermochte, auf die der Krieg sie stellte, indem er die K.J V.-er in nahe Berührung mit den Ostjuden brachte. Ein ausgezeichneter deutscher Zionist, der kürzlich vor Verdun gefallene Herr Rappaport aus Kattowitz, der Anreger der zionistischen Jugendarbeit, ein Mann, der dem K. J. V. durchaus mit Wohlwollen gegenüberstand, glaubte nach den Beobachtungen, die er an K.J. V.-ern im Verlaufe dieses Krieges gemacht hatte, sagen zu müssen, das K.J,V. werde seine Erziehung auf eine neue Basis stellen müssen, nachdem ihre Ergebnisse in diesem Kriege in dem Verhalten der K. J. V.-er den Ostjuden gegenüber versagt hätten. Solch ein Urteil muß uns zu denken geben. Wer häufig Gelegenheit hatte, mit Bundesbrüdern zu sprechen, die im Osten gewesen sind, wird sich sagen müssen, daß Rappaports Urteil kaum stark übertrieben sein kann. Nur wenige haben bewiesen, daß ihre jüdischen Instinkte stark und lebendig genug sind, um über dem, was das Ostjudentum zweifellos Fremdes und Unschönes bietet, das nicht zu vergessen, was uns im Leben und Sterben mit ihm eint. Die meisten, kann man wohl sagen, sind von ihren Erlebnissen im Osten „degoutiert". — dies dürfte das bezeichnendste Wort für die Geschmacksurteile sein, die man hört. Ihr ästhetisches Empfinden ist nicht auf seine Kosten gekommen, aber um dem ein moralisches Mäntelchen umzuhängen, beschwören sie mit Begeisterung den Schatten jeder bekannten jüdischen Dirne, die offenbar jedem Besucher eines polnisch-jüdischen Städtchens zuerst entgegentritt. Beinahe möchte man glauben, daß es in ganz Polen dieselbe ist, eine ewige Jüdin. Was nationales Solidaritätsgefühl sans phrase heißt, das kann man lernen aus einem Aufsatz Dostojewskis in seinen politischen Schriften, auf den Blumenfeld einmal in diesem Zusammenhang hingewiesen hat. Es sind die Abschnitte „Von der Liebe zum Volke" und der „Bauer Marei" in dem Aufsatze „Russisches". Ueber unsere Frage ist im dritten Heft des „Juden" ein Aufsatz von B e r g e r erschienen, das erste wirklich zionistische Wort über dieses Thema; sachlich wie in dem Ethos der Schreibweise eine ausgezeichnete Leistung. Da anzunehmen ist, daß durchaus noch nicht alle K. J. V.-er den „Juden" abonniert haben und lesen, so möge hier ein Abschnitt daraus folgen, der sich mit dem berührt, was Preuß ausführt.