Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 10. Kriegsheft 10 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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538 Der Jüdische Student jede Form des Lebens dort in anderer Schattierung unser eignes war und, als jüdisch,notwendig, wahr und unvergänglich; aus allem Tun, aus jedem Gespräch mußte die Liebe zur Art, zum Volke klingen, nicht nur das Interesse und das Mitleid. Es handelt sich nicht darum, objektiv zu sein; sondern hier mußten wir das Wort bewahrheiten, daß national sein heißt jede F o_rjm des eigenen Lebens zu bejahen und zu lTeben. Nur wer das kann (und richtig können wir es alle nlcKty hat ein Recht zu kritisieren; darum sprechen wir ja den Assimilanten das Recht, ab, jüdische Dinge zu beurteilen, weil ihnen die Liebe zum Jüdischen fehlt. Und wie steht es mit den sogenannten Vorwürfen als solchen? Eigentlich ist die Apologetik nicht unsere Sache; aber hier handelt es sich um die Widerlegung von Urteilen, die in unserem eigenen Kreise verbreitet sind. Die Juden leben dort vielfach in einer Sphäre unendlicher Armut, wo jeder dasselbe tut wie der andere, und darum jeder des andern Konkurrent ist; in einem Lande mit ganz anderen Handelssitten und Lebensgewohnheiten als den deutschen; auch war zu Zeiten dort Zufuhr und Produktion der Lebensmittel ganz unterbunden : waren wir da überhaupt imstande, auf den ersten Blick zu unterscheiden, ob geforderte Preise zu hoch oder niedrig waren? Wir haben einfach das mitgemacht, was die andern taten: deutsche Bedingungen auf Russisch- Polen übertragen. Wir bedachten nicht, wie die Juden dort mit russischen Beamten umzugehen gewohnt waren, daß dort, wie vielfach auch in anderen Ländern, Feilschen eine Handelsgewohnheit ist, sondern waren wie irgendein K. C-er unsympathisch berührt. Schnell genug haben sich überall die polnischem Juden an die deutschen Vorschriften gewöhnt. Darüber nur so viel Daß, wo die Juden unter proletarischen Verhältnissen leben, auch die Sauberkeit geringer ist als in Bourgeoiswohnungen, dafür bietet jede Großstadt ein Oegenb3ispiel. Ueberall ist die Reinlichkeit im übrigen größer als die in den Panjequartieren. Und wo günstigere wirtschaftliche Verhältnisse bestehen, ist die Sauberkeit für russische Verhältnisse hervorragend. Den andern aber ist oft die polnische Bevölkerung ohne Unterschied als schmutzige Masse bekannt!