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Der jüdische Student · 1916-06-20 · 9. Kriegsheft 9 (20.6.1916) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
13 (1916-1917)
Issue
9. Kriegsheft 9 (20.6.1916)
Date
1916-06-20
Page
[Seite] (sequence 30)
Language
German
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224 Der Judische Student vieler, die ich hier zum Ausdruck bringe. Nicht alle russischen Juden sind gute Juden, nicht alle haben jüdisches Gemeinsamikeitsbewußtsein. Selbst diejenigen, die im Ostjuden den jüdischeren Juden sehen, müssen zugeben, daß der jüdischere Jude nicht a priori der bessere ist. Die Kenntnis des jüdischen Schrifttums, das Leben in einem jüdischen Milieu, wonach wir uns alle sehnen, genügt noch lange nicht, um Juden und Judentum zu erhalten. Gerade in dem Milieu der russischen Juden kann man erkennen, daß der nationale Gedanke sich in einer solchen jüdischen Gesellschaft klar und offen aussprechen muß, wenn sie Lebensträger in unserem Sinne sein soll. Die Juden hier wurzeln zum allergrößten Teil, obwohl sie äußerlich in einer nur jüdischen Welt leben, mit ihrem Innenleben und Wollen durchaus nicht in jüdischem Kreise. Sie verachten ihre Umgebung, ihr Leben, ihre Formen und schämen sich, dem deutschen Juden ihr jüdisches Leben zu zeigen. Sie setzen bei diesem ein Verständnis dafür gar nicht voraus und suchen sich durch die Negation dessen, was sie in seiner Abwesenheit üben, ihm sympathisch zu machen. Es fehlt ihrem Judentum die Verinnerlichung: es besteht nur in der Gemeinsamkeit äußerer Formen, deren Bedeutung ihnen völlig schleierhaft ist. Man kann hier in jedem Augenblick in jeder Familie die Tragödie der Assimilation sehen. Die russischen Juden sind aber in ihrer Assimilation schlimmer und verabscheuungswürdiger als die Westjuden. Diese haben es gelernt, ihren; Standpunkt zu begründen, sind zum Teil in Anschauungen hineingeboren, denen wirklich alles Jüdische fernliegt. Die russischen Juden dagegen werfen kritiklos alles hin und nehmen alles, was sie von deutschen Soldaten sehen, als das Bessere hin. — Einen anderen Eindruck empfingen wir in Baranowitschi. Die kleinen Kinder sprachen uns hebräisch an und begrüßten uns als gute Freunde, die sie längst schon kannten. Sie verstanden unsere Freude darüber, daß wir in ihrem Kreise das Pessachfest feiern konnten. Bei ihnen hat die Bildung bereits ihren Einzug gehalten und sie sind sich der ethischen und nationalen Werte der Juden und des Judentums bewußt. Es Jeben hier viele Chassidim, deren Begeisterung ich schätzen gelernt habe. In dem Hause eines solchen Baranowitschier Chassid fanden unsere engeren Zusammenkünfte statt und zwar trafen wir uns hier am ersten Tag Pessach nachmittags 3 Uhr zu einer internen Besprechung. Anwesend waren: Alfred Wermuth, Tscherniak, Rosenfeld, Freund, Pietrokowsky, Abraham, Finkeiste in, Bär, S t e i n e r t. Bis alle Bundesbrüder zusammen waren, lasen wir mit den Töchtern des Hauses Bialiks Gedichte im Urtext. Wir beschlossen zunächst eine Spende für die Palästina-Not- .Standsaktion; sie erreichte eine Summe von 125 M.. Wir trafen

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