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Der jüdische Student · 1916-06-20 · 9. Kriegsheft 9 (20.6.1916) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
13 (1916-1917)
Issue
9. Kriegsheft 9 (20.6.1916)
Date
1916-06-20
Page
[Seite] (sequence 27)
Language
German
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Der Jüdische Student 221 Karl Steinitz Nun ist es bald ein Jahr her, da lachte die Sonne am* blauen Himmel und alles grünte so hoffnungsfroh, als die Kunde mich traf: Berthold Goldstein «ist tot. Wieder entschwindet ein Winter im jubelnden Ansturm des Frühlings, wieder rankt an den blühenden Bäumen sich neue Lebenshoffnung empor; schwarze Fittige rauschen um mein Haupt und im Ohre klingt's: Karl Steinitz hat sterben müssen. Hat mich das Schicksal zum Chronisten unseres engeren Kreises bestimmt,, soll ich's wieder sein/der die Totenklage erhebt? Die Ihr Karl Steinitz nicht kanntet, Euch will ich ihn nicht schildern. Er war keine Sturmnatur, keiner, der seiner Epoche ein Siegel aufdrückte; aber Euch, die Ihr das Qlück hattet, ihn zu kennen,. Euch sollen diese Zeilen ihn noch einmal vor die Seele rücken, so, wie er vor mir steht, als wir von einander schieden, um> hinzugehen und dem Vaterlande unsre Pflicht zu erfüllen, in* seiner ganzen Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit. Karl Steinitz war dort zu Haus, wo es Leben, Freude, Bewegung gab. Wer ihn dort sah, hielt ihn nur für den gewandten, feinsinnigen Gesellschafter, der frei von jeglicher Affektierung so herzlich lachen konnte und heimisch war im Kreise frohsinniger Menschen. Und doch war der Grundzug seines Wesens nicht eine freudige Ursprünglichkeit, sondern vielmehr eine tiefe Melancholie.. Er war nicht immer an der Sonnenseite des Lebens gewandelt,, das Schicksal hat ihm manche harte Nuß zu knacken gegeben, aber er hatte sich durchgerungen dank der anderen Seite seiner Wesensart, seiner Sehnsucht nach Sonne und Wärme und. Freude. Er nahm die frohen Stunden, die ihm das Leben schenkte, mit einer bewußten Dankbarkeit auf, wie Geschenke,, die ihm zuteil wurden, und genoß sie dadurch tiefer und inniger. Aus seiner Sonnensehnsucht resultierte sein Zionismus, aus seiner Sehnsucht nach Wärme seine Stellung im Zionismus. Er wollte das Judentum erleben nicht im Kampf um sein Bestehen, nicht in Propagandaversammlungen und Diskussionen, zu ihm sollte es kommen wie die Prinzessin Sabbath zum Prinzen Israel mit all dem Zauber und den alten, lieben Melodien. Er arbeitete praktisch, gern und so reichlich, wie seine Zeit es ihm nur erlaubte; seinem innern Sehnen war es nur Betäubung.

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