Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 9. Kriegsheft 9 (20.6.1916)
- Date
- 1916-06-20
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537613-3537615--3618-3541352- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Jüdische Student 209 angehört, und das ist sehr begreiflich und recht; denn aus diesem Artikel geht doch wieder das hervor, was uns scheidet. Qu legst das Hauptgewicht auf die Beschimpfung jener falschen stilisierten Einfachheit der Linie, jener PseudoSchlichtheit, Du verspottest treffend den ach so billigen Radikalismus der Worte. Ich finde jedoch, daß Du nicht nur die Karikatur des jung-jüdischen Ideals anspöttelst, auch das Ideal selbst kommt bei Dir etwas schlecht fort. Oder ist das nur ein Mißverständnis? Nicht gerade Baidur braucht durch Palästinas Gefilde zu schreiten, aber viele der anderen von Dir spöttelnd erwähnten Prädikate sind wohl erstrebenswert und ohne Pose und Verlogenheit erreichbar Dieser Unterschied in unserer Stellungnahme könnte einmal entscheidend werden, aber hier will ich nicht mit Dir polemisieren. Ich will vor allem eins hervorheben, was uns einigt, und will es noch unterstreichen, das ist unsere Stellung zur Umwelt, oder — um jedes Verkriechen auszuschließen — zum Deutschtum. Um diesen Punkt handelt es sich; deshalb ist der einleitende Satz des Palästinaartikels der entscheidende, deshalb hätten wir jeden anderen Zeitpunkt für diese Debatte gewünscht. Aber wir sind gestellt worden, und wir dürfen nicht an der Sache vorbeireden. Es handelt sich darum: ist unser Leben hier in der Tat ein unseliger Kompromiß? Lebe ich hier als Fremder unter Fremden, bin ich hier nicht innerlich verwurzelt, dann bin ich hier,ein Parasit. Dann muß ich gehen, wenn ich ein anständiger Mensch bin; ja dann verdanke ich es nur einer unbegreiflichen Kurzsichtigkeit der anderen, daß ich nicht schon längst des Landes verwiesen bin. Jeder Versuch, ein Staatsbürgertum rein auf äußere und materielle Rechte und Pflichten zu begründen, muß dem sittlichen Menschen als eine unmoralische, widernatürliche Konstruktion erscheinen. Ich bekenne mich offen und stolz als Angehöriger des deutschen Kulturkreises; mit Absicht gebrauche ich das verfehmte Wort. Ja, ich verstehe nicht, wie einer unter uns im Ernst diese einfache Tatsache leugnen kann, es sei denn, daß er seine Zugehörigkeit zur Kulturmenschheit überhaupt leugnet. Welchen Weg zur Kultur will er denn sonst gegangen sein? Die Spielerei mit der hebräischen oder neu-jüdischen Kultur der deutschen Juden nimmt doch wohl niemand ernst. An deutschen Meistern habe ich meinen Geschmack gebildet, aus deutschen Philosophen bemühe ich mich meine Weltanschauung zu schöpfen, am deutschen Leben nehme ich teil, deutsche Geschichte lese ich nicht nur, sondern durchlebe ich. In deutscher Sprache denke und rede ich — das allein schon würde genügen. Das sind einfache Wahrheiten, die man schon kannte, ehe der Zionismus erfunden wurde. Aber die Bedeutung des Zionismus besteht wahrlich nicht darin, daß er die Wahrheit auf den Kopf stellt. Der Zionismus hat den anderen Pol unseres