Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 9. Kriegsheft 9 (20.6.1916)
- Date
- 1916-06-20
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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210 Der Jüdische Student Wesens entdeckt, den jüdischen Menschen. Ein jüdischer Mensch mit deutscher Kultur, das bin ich. Es ist also wahr, daß ich* kein begrifflich einheitliches Wesen bin (nur wenige Erscheinungen des modernen sozialen Lebens werden sich übrigens eindeutig unter einen reinen Begriff bringen lassen), aber daraus entspringt zunächst weder eine Zerrissenheit noch ein Kompromiß oder ein Konflikt. Das entsteht alles erst, wenn ich die beiden Seiten meines Wesens teile und dann in irgend einer Weise in Gegensatz zu einander bringe oder wieder zu vereinigen suche. Die Anhänger der sogenannten „Assimilation" (ein Wort mit dem viel Mißbrauch getrieben wird) gehen den Weg der Negation des Judentums; statt Angehörige des deutschen Kulturkreises zu sein, wollen sie „Deutsche" sein. Sie wollen nicht sehen, daß ihre jüdische Seele den deutschen Kuiturinhalt zu einer Besonderheit formt. Sie leugnen, und weil sie eine Tatsache leugnen, werden sie lächerlich. Die Anhänger unseres jüngsten Zionismus verfallen in die entgegengesetzte Lächerlichkeit. Sie konstruieren einen reinen jüdischen Menschen. Nun ist das Jüdische in uns jedoch nur Form; Form ohne Inhalt (oder Stoff) ist eine reine Abstraktion. Der neue „jüdische" Inhalt, den man dieser Form geben will, existiert noch nicht. Was man heute dafür ausgibt, ist wesenlose Konstruktion oder trauriges Surrogat; darüber ist eine Debatte unter ernsthaften Menschen einfach nicht möglich. Wie schafft man nun ein neues Judentum? Die Frage in ihrer Naivetät klingt eigentlich reichlich komisch. Das „schafft" man gar nicht, das kann nur einmal erwachsen. Die Christen der Reformation sprechen von einer unsichtbaren Kirche. So gibt es auch ein unsichtbares Judentum, das ist die Gesamtheit der jüdischen Seelen. Wenn sie in Wechselwirkung miteinander treten werden, dann erwächst aus ihrem Zusammenklang das objektive Judentum. Ein jeder von uns, der nur wirklich das Leben seiner geistigen Umwelt mitlebt, schafft eigentlich daran, Tag für Tag. Er nimmt den Geist der ihn umgebenden Kultur in sich auf, das ist für uns der Geist der deutschen Kultur. Der aber formt sich in ihm um, zu etwas Neuem. Ist es schon jüdisch? Ich glaube nicht, das man es so nennen kann; nur eine kleine relativ verschwindende Brechung hat das Licht in dem neuen Medium erfahren. Immerhin, die Umwelt empfindet es als ein eigenes. Wir aber stehen in Wechselwirkung mit unserer Umwelt, sofern wir lebendige Glieder sind, nicht Parasiten. Was wir empfangen, geben wir vermehrt und umgeformt zurück. Es wird wieder von deutschen Geistern verarbeitet , und geformt. Das ist unser Anteil an der deutschen Kultur, dem wir hier unser Daseinsrecht verdanken (was mit der Anerkennung der einzelnen, die uns hier gleichgültig sein kann, nichts zu tun hat; von innerem sittlichen Anrecht ist die Rede). Man über-