Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 9. Kriegsheft 9 (20.6.1916)
- Date
- 1916-06-20
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 207 ^militärisch gesprochen) ein Urlaubsschein, der sie vom Dienst hier befreit.1 ' ' r Und welcher Art ist der Ersatz, den ihre menschliche Ausbildung für das findet, was sie ablehnen oder aber übersehen und nicht achten? Wir mögen uns an der "jungjüdischen" Literatur als an Anzeichen eines neuen erwachenden Geistes freuen. Aber daß sie irgendeinem von uns Dinge zu sagen hat, die ■ uns innerlichst betreffen, ist nicht wahr. Menschen unseres Milieus und unserer literarischen Entwicklung können dies alles nur wie Literarhistoriker — oder Verwandte werten. Der Rest ist Schweigen. Jemand mag Nawratzkis Buch von hinten auswendig können und die Karte von Palästina im Schlafe zu zeichnen verstehen — beide Fertigkeiten sind für seine jüdische wie menschliche Weiterentwicklung gleichmäßig belanglos. Dies der Ersatz für eine Fülle von Geist und Leben, aus der jeder nach seiner Anlage schöpfen könnte, sich selbst treu, da jüdisches Blut ihn durchpulst. Diejenigen, gegen die ich mich wende, sind eifrig an der Arbeit, solche Trolle zu züchten, die sich selbst genug sind. Und sie scheinen nicht erfolglos zu arbeiten, wenn der von Bbr. Baer strahlend zitierte Primaner, der das Fernsein von Palästina als anormar empfindet, auch nur für einen kleinen Kreis symptomatisch ist. Es, ist lange nicht so sicher, daß dieser Jüngling nach Palästina gehen, wie daß er für die paar nächsten Jahre seines Lebens die bewußten Scheuklappen tragen wird. Und wervon Euch glaubt, daß diese Empfindung natürlich und ursprünglich ist? Sie ist tatsächlich künstlich angezüchtet, ist ein Resultat jener Palästinadressur, die unter allen Umständen aufhören muß. Ich komme zum Schluß und r chte mich damit an diejenigen, •die sich mit verantwortlich fühlen für die Arbeit, die in und von unserm Kreis geleistet wird. Jch frage sie, ob sie die Verantwortung tragen wollen, wenn sie nacn Jahren von solchen, die zur Besinnung kommen, zur Rechenschaft gezogen werden, •daß man sie als junge, leicht zu begeisternde, leicht formbare Menschen in ihrer Entwicklung beengt, in ihrer Ausbildung zum vollwertigen Typ behindert habe. Icn frage sie, ob sie die Verantwortung unserer Bewegung gegenüber tragen wollen, die durch Ausbildung solchen Materials auf die Dauer geschädigt werden1 muß. Vielleicht ist das für viele zu abstrakt, als daß sie ganz die Schwere der Frage erfassen könnten. An sie will ich die Verantwortungsfrage in sehr konkreter und faßbarer Form richten. Was können' wir den Menschen bieten, denen wir auf der Schulbank ein Zukunftshoffen erweckt haben, das ihnen vorschwebt als rosenrotes Bild mit der Unterschrift Palästina? Wir wissen, wie die . Dinge demgegenüber wirklich liegen. Wir