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Der jüdische Student · 1916-06-20 · 9. Kriegsheft 9 (20.6.1916) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
13 (1916-1917)
Issue
9. Kriegsheft 9 (20.6.1916)
Date
1916-06-20
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Der Jüdische Student 205 r ,• i « •: finden, weshalb eine möglichst frühe und völlige Einstellung (hierauf unerläßlich ist. Getrost; dem negativen Weg zur Ganzheit reiht sich ein positiver würdig an. Nicht etwa steht durchaus und überragend im Vordergrund die Beschäftigung mit der Geschichte, Sprache und den großen Ideen unseres Volkes. (Was natürlich, auch wo es der Fall ist, noch immer nur als ein kleiner Teil der Arbeit, die jeder an sich selbst zu vollziehen hat, zu bewerten wäre. Darüber weiter unten.) Sondern im Vordergrund steht Vereinsmatzerei und Beschäftigung mit „jungjüdischer Kultur". Es werden die jetzt schreibenden jüdischen oder hebräischen Schriftsteller in Uebersetzungen gelesen; es wird von jedem einzelnen eine erstaunliche Fülle theoretischer Betrachtungen produziert; es wird eine umfassende Kenntnis der Zeit- und Streitschriften unserer Bewegung erworben. Die Hauptarbeit •besteht in allerhand mehr oder weniger (meist weniger) nützlicher Vereinsarbeit. Dies der positive Weg zum ganzen Juden. Noch fehlt meinem Bilde ein wesentlicher Zug. Denn gelenkt wird diese ganze Einstellung von dem Vorbildideal, das ein jeder aus Sehnsucht und Traum sich gestaltet. Wie sieht es aus? Sicher anders als der Betreffende selbst. Bekanntlich erstrebt jeder am meisten und stellt am höchsten, was er an sich selbst mit schmerzlicher Deutlichkeit vermißt. Wie Künstler noch immer am innigsten sich um Lorbeer auf Gebieten gemüht haben, die ihnen ihrer Natur nach verschlossen bleiben mußten, trägt das strahlende Heldenbild unseres Strebens lauter .Züge, die uns selbst fehlen. Reicht mir die Farben: „frisch, schlicht, munter, unverbraucht, gradlinig, unmittelbar, blond, primitiv, selbstverständlich, blauäugig, aufrecht" — und ich will Euch ein Bild von überraschender Naturtreue auf die Leinwand werfen. (In Träumen schreitet Baidur über palästinensischen Boden.) Dies Ideal ist zu bekämpfen, nicht weil es entlehnt ist »(denn woher sollten wir es sonst nehmen?); auch nicht, wenn es sich in Bestrebungen zur körperlichen Ertüchtigung betätigt; sondern da, wo es eine verlogene geistige Haltung zeitigt. Mich deucht nämlich, daß der Zionist, der das Selbstbewußtsein »predigt und den Stolz auf die eigene Art, in einem Sinne am allerwenigsten * den Mut zu sich selbst hat. Die Furcht, für •einen Ghettomenschen zu gelten, wenn einem statt Schlichtheit Kompliziertheit, statt Unmittelbarkeit Sucht des Grübelns gegeben ist, führt zur Pose. Hier liegt bei vielen von uns wirklich Zerrissenheit vor. Munteres Draufgängertum muß man haben, aber markieren läßt sich das nicht. Schlichtheit des Geistes mag wunderschön sein, aber Schlichtheit aus Theorie kann mir gestohlen werden. Ich sehe überall . . . nicht Draufgänger, aber Wertreter des Prinzips des Draufgängertums. Das ist es. Nun

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