Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 9. Kriegsheft 9 (20.6.1916)
- Date
- 1916-06-20
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Der Jüdische Student fesselt Da kann nicht schweigen, wer sich von den meisten» Rednern durch Kluften getrennt weiß; kann auch nicht mit formeller Verwahrung sich begnügen, wer sieht, daß die andern, durch Darstellung und Ausführung Einfluß und Wirkung üben. Mich reizt es nicht, gegen die neuen Thesen an unseren Toren zu disputieren. Ich verspüre nicht (wie Hirsch und Bileski) das Bedürfnis, die eigene Arbeit, die vor diesem beseelten Schwung in ein jämmerliches Nichts zu versinken droht, zu verteidigen. Noch vor keinem nach Palästina Scheidenden haben wir nötig gehabt, uns selbst durch logische Argumentation zu behaupten — soll es den Verfertigern von Thesen gegenüber notwendig werden, nur weil sie in Forderung und. Behauptung maßlos sind? Mich reizt es vielmehr, den Oeist aufzuweisen, aus dem heraus solche Auffassung entsteht, und. das aus diesem Geist geborene (und bereits recht bemerkbare)- Wirken vieler als eminente Gefahr zu bekämpfen. ' Der Rahmen ist eng; außerdem ist Delikatesse geboten. Ich muß also mit wenigen Pinselstrichen andeuten, was ich lieber in sorgfältiger Kleinmalerei ausführte, r Man wird mich auch so verstehen. Heutzutage hat der Mensch keine Zeit mehr, sich zunv. Zionisten zu entwickeln. Er wird in den Pubertätsjahren bereits mit dem (immerhin) festen Schema einer fortgeschrittenen Ideologie überfallen, deren Inhalt überdies durch Schlagworte festgelegt ist. Herangetreten wird an solchen Jüngling etwa mit der (irrsinnigen) These von der zerrissenen Seele*). Nichts hört ein Jüngling mit dem üblichen Hang ins Weltschmerzliche lieber. Wie er sich dualistisch geteilt fühlt, begreift er die notwendige Aufgabe, sich zur Einheit, Ganzheit, Geschlossenheit zu entwickeln. Hat er sich in diesem Sinne für uns entschieden, spielt sich nun alles andere automatisch ab. Am Beginn seiner neuen Entwicklung steht eine in Großzügigkeit vorgenommene summarische Ablehnung. Wie sollte es anders sein? Denn alles, was er nun noch an nichtjüdischen Dingen in sich aufnimmt — so lernt er — kann ihn ja; nur noch mehr „zerreißen", nur noch mehr vom erstrebten Ziel des ganzen f Juden ablenken. Alle Gedanken und Worte der ihn umgebenden Kultur, das geistige und politische Leben um ihn — all das geht ihn nichts an; durch all das darf der geschlossene Mann mit Scheuklappen gehen. Daß' der von einem Ethos erfüllte Mensch auch auf jede Art von Kunst als Tändelei der Entwurzelten herabsehen darf, versteht sich. Diese auf so sinnreiche Methode erstrebte Einheit kann natürlich ihre letzte Verwirklichung und Möglichkeit, sich auszuleben, nur in Palästina *) In welchem Zusammenhang über Heine, Weininger, Cale — wer hat die beiden letzteren wirklich gelesen? — allerhand Unverantwortlichesgeschwafelt wird. n : /