Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 9. Kriegsheft 9 (20.6.1916)
- Date
- 1916-06-20
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Der Jüdische Student s c h e n V o I k e arbeiten. Die gleiche Befriedigung, die jene physiokratischen Romantiker empfinden, wenn sie ein Stück des Bodens Palästinas dem jüdischen Volke zurückgewonnen und durch ihrer Hände Arbeit urbar gemacht haben, empfinden wir, wenn wir junge Menschen unserm Volke wieder zugeführt haben, wenn wir junge Juden zu Menschen machen. Und nun wird dieser Weltkrieg uns vielleicht neue Möglichkeiten eröffnen; er. wird uns den Zugang zu unserm Volke ermöglichen. Wenn Litauen und Polen in irgend einer Form dem neuen Mitteleuropa angegliedert werden, dann haben wir neue Möglichkeiten, uns zu unserm Volke zurückzufinden, neue Möglichkeiten, in unserm Volke zu arbeiten, und ich unterbreite dem großen Kreise der Bundesbrüder zur Diskussion die Frage der Uebersiedlung in die Zentren unseres Volkes, nach Lodz, Warschau, Kowno, Wilna. Hier bieten sich auch dem Akademiker Möglichkeiten, der nicht mehr Bauer werden kann oder will. Es schien mir notwendig,, dies zur innerlichen Rechtfertigung unserer Oolusarbeit gegenüber dem Standpunkt des Aufrufs zu sagen. Ich gebe zu, daß man aber auch den anderen Weg der Verwirklichung des Zionismus gehen kann, indem man in unser Land zurückkehrt. Die Entscheidung ist rein individuell, sie hat selbstverständlich mit dem Gegensatz von politischem und praktischem Zionismus nichts zu tun. (Ich bin umgekehrt der Ansicht, daß die Entscheidung in der individuellen Frage nicht selten die Stellungnahme im Parteileben — politischer oder praktischer Zionismus — beeinflußt hat; eine Folge der unklaren Problemstellung). Wenn ich mich nunmehr vom Standpunkte des zionistischen Politikers zu dem Aufrufe äußere,' so will ich vorweg bemerken, daß ich ein Anhänger der sog. praktischen Palästinapolitik und der Ueberzeugung bin, daß wir nach dem Kriege mit aller Macht daran arbeiten müssen, in Palästina uns Positionen zu erringen. Daher erscheint auch mir die Uebersiedlung jedes einzelnen nach unserem Lande wertvoll. Aber ich glaube, daß der Wert der Uebersiedlung nur dann ein bleibender ist, wenn sie unter Voraussetzungen erfolgt, die ein wirkliches Seßhaftwerden, eine Verwurzelung gewährleisten. So wenig wir ein Anschwellen der Chalukajuden bejubeln könnten, so wenig könnten wir es begrüßen, wenn eine Schar mittelloser Intellektueller eine neue Art des ländlichen Proletariats in Palästina schafft. Auch ich meine, daß für die Uebersiedler vorwiegend der Beruf des Landwirts in Frage kommt. Das Wort „Bauer", das in dem Aufruf durch Sperrdruck hervorgehoben ist, müßte mir näher erläutert werden. Unter „Bauer" verstand ich jedenfalls bisher denjenigen Landwirt, der nur soviel Land besitzt, daß er es ohne fremder Arbeitskräfte zu bedürfen lediglich mit Hilfe seiner Familie bearbeiten., kann. Brünn fordert ja in seiner Broschüre in erster Reihe* die