Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 12 (1915-1916)
- Issue
- Heft 2 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Judische Student 51 "bekiagst Dich und meinst, Du könntest von mir Anregung bekommen; lieber Junge, ich glaube nicht; denn ich betreibe wirklich wenig und bin* mit irgend einem Gegenstand nie gedanklich so intensiv beschäftigt, daß ich Wertvolles aus dieser Beschäftigung schöpfen und weitergeben könnte. "Warum schlägst Du nie ein Thema an, wenn Du von mir den Zustand meines Denk- und Fühlapparates erknobeln willst? Ich würde mich über Anregungen Deinerseits sehr freuen und vielleicht auch über manches etwas zu erwidern wissen, denn ich glaube, dumm bin ich noch nicht durch Denkinaktivität geworden. Natürlich bin ich nicht so beschränkt, zu erwarten, von Dir nun im nächsten Brief gleich eine Frage vorgelegt zu bekommen: „Wie denkst Du über den moralischen Wert des Selbstmordes aus unglücklicher Liebe1? oder: „Wie stehst Du zur Unsterblichkeit der Maikäferseele?w Aber Du sollst mir keine indirekten Vorwürfe machen, daß ich Dir aus Faulheit oder Zurückgebliebenheit nichts biete. Denn darüber werde ich traurig, umsomehr als ich selbst weiß, daß ich, „zurückgeblieben" bin hinter •dem, was man geistig von mir erwartete und nach Begabung erwarten . konnte. Vielleicht ist es Faulheit, vielleicht liegt es auch an der Unstetheit und Unsicherheit im Berufsleben. Du wußtest Deinen Weg und bist so ziemlich am materiellen Ziel. Ich weiß nicht, wo ich hinarbeite, was mir die Zukunft bringt; ich glaube, diese Unsicherheit läßt mich zu keiner höheren Entfaltung resp. Entwicklung kommen. Oder vermisse ich im Gelde resp. in der sicheren Aussicht auf den Hafen materieller Geborgenheit doch nur -d;e Möglichkeit resp. die Aussicht auf die Möglichkeit, somatisch vollkommen zu leben, und ist also die geistige Armut doch nur durch Faulheit zu erklären? Peinlich, höchst peinlich! Glaube nicht, daß diese Erwägungen etwa dauernd als lastender Alb mein Gemüt drücken! Leider Gottes, ich glaube, ich kann nicht intensiv leben, weder in Freude noch in Schmerz, wenn ich vielleicht mehrere Höhen* und Tiefpunkte im Liebesleben ausnehme; aber auch das hat sich mehr ausgeglichen, will heißen, diese Gefühlsintensitäten liegen schon etwas zurück. Es ist übrigens falsch, zu glauben, daß solche Leute dadurch einen Gewinn auf ihrer Seite haben, weil ihnen die Schmerzen auch geringer sind. Das ist falsch; sie sind nur dumpfer und drückender, aber gerade dadurch mehr; die Freuden sind jedenfalls geringer, also resultiert ein bedeutendes Minus. Dazu kommt noch, daß für intensiv empfindende Menschen auch <ier Schmerz eine Art Wollust oder wenigstens eine ästhetische Nuance •des Lebensgenusses werden kann, wenigstens für Künstler. Da sind wir bei Dir! Dich beneide ich, mein Junge! Du bist glücklich durch Deine Künstlernatur, Du lebst durch sie mächtig, auch ohne die Einzelheiten des Lebens kennen zu lernen. Wenn ich denke, wie Du z. B. — es fällt mir gerade besonders ein — im „Clitus" wilde Orgien schilderst, wüsteste Wollüste glühen läßt — ein Kind noch an Erfahrung, damals noch mehr als heut — fast ein Wunder!