Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 12 (1915-1916)
- Issue
- Heft 2 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537715-3537717--3478-3541304- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Jüdische Student 45 Inzwischen hatte auch ich — Oktober 1S99 — die Universität bezogen und mich in der „Vereinigung jüdischer Studierender" aktiv gemeldet. Ich war bereits als Sekundaner Zionist geworden, das Erscheinen des Herzischen Judenstaates und die Arbeiten meines Vaters hatten mich erweckt. Ich entsinne mich, wie ich Erich Rosenkranz 1897 in den Schulpausen die zionistische Idee ganz phantastisch darzulegen mich bemühte, aber auf einen völligen Unglauben bei ihm stieß. Es war noch nicht, lange her, daß wir es als eine unerhörte und beleidigende Zumutung empfanden, als einer unserer Lehrer alle deutschen Juden nach Palästina wünschte. Nun war ich selbst Zionist geworden, er selbst aber segelte weiter im ästhetischen Fahrwasser. Als ich aber? Student und aktiv geworden war, während er sich zu den Pinken hielt und mit den Schauspielern sich herumtrieb, die Lene K. vom Schauspielhaus hoffnungslos liebte und von dem sechzehnjährigen „Hannes" — einer blondköpfigen kleinen Statistin — mit „Geh', schau', Erich —!" getröstet wurde, mußte er allmählich merken, daß er sich immer mehr von mir entfernte und in Gefahr war, den Jugendfreund zu verlieren. Ein ganzes Jahr lang währte dieser Zustand, dann aber fing er an, an sich selbst und seinem Künstlerberuf irre zu w^rden. Das Lamentieren der Eltern, vor allem des Vaters, der ihn von der „Zigeunerbande" los wünschte, dazu das Schweigen des Freundes, das nur zu beredt war, machte ihn meinem Drängen und dem Drängen meiner neuen Freunde, mit denen ich ihn bekannt gemacht hatte, zugänglicher. Dazu kam, daß er gerade damals ernste Differenzen mit den Finken hatte. Er hatte in einer Finkenschaftsaufführung von Björnsons „Neuvermählten" den Axel gespielt und war dafür von einem seiner persönlichen Gegner in einer Kritik der Hochschulzeitung ganz unberechtigterweise heruntergerissen worden. Es kamen andere Zwistigkeiten dazu, die ihn umsomehr verärgerten, als auch, wenn ich nicht irre, antisemitische Tendenzen dabei eine Rolle spielten. So kam es, daß er sich in seinem dritten Semester auf einer Kneipe der V.J. St. mit einem ganz plötzlichen Entschlüsse, der mir selbst überraschend kam, aktiv meldete. Der Augenblick ist mir unvergeßlich, weil ich mit ihm den Jugendfreund wiedergewonnen hatte und das ganze als einen einfachen Akt der Anhänglichkeit an mich empfand. Trotzdem wäre es wohl nie