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Der jüdische Student · 1915-07-09 · Heft 2 (9.7.1915) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
12 (1915-1916)
Issue
Heft 2 (9.7.1915)
Date
1915-07-09
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
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Der Jüdische Student 43 Anderen Leuten, etwa den Gästen seines Elternhauses, vorzuspielen, hat sich Erich stets geweigert, „Nun hat das Kind das schöne Talent," klagte die Mutter immer wieder, „und wiH's nicht zeigen!14 Das Kind war damals 17—18 Jahre alt und immer leidenschaftlicher zog es ihn ins Theater und — hinter die Kulissen. Er ging schon als Schüler ins Königl. Schauspielhaus und spielte „Volk" mit. Da kam denn die lustige Zeit, wo wir die großen Schauspielerinnen liebten, ich nur eine — Agnes Sorma —, was ich ihm nie gestand, er gleich zwei: „Agchen", Agnes Sorma, und „Amchen", Amanda Lindner. Mit der ist ihm übrigens einmal etwas Tolles passiert. Er spielte wieder einmal als Statist in der „Jungfrau von Orleans" mit. Als nun im vierten Aufzuge die Lindner als Jungfrau aus der Kirche stürzte und das adorierende Volk sie umdrängte, da kniete Erich Rosenkranz vor seiner Amanda nieder und küßte ihr inbrünstig den Saum ihres Gewandes. Im selben Augenblicke aber ertönte eine dicke Bierstimme hinter ihm: „Haben Sie Bauchweh?" Es war der famose Komparserieinspektor, alias Statistenvater Uhlig, der sich zum Erschrecken der ganzen Bühne den Witz erlaubte. Seitdem wzgte Erich nicht mehr, Amchen unter die Augen zu treten. Agchen blieb, und nun trat die böse Schlange Eifersucht zwischen uns und unsere Freundschaft. Ich war rasend, daß Erich so ganz zu Agnes übergelaufen war, und es kam zu ganz lächerlichen Szenen zwischen uns. Die tollste spielte sich im Harz zu Treseburg am 2. August 1898 ab. Vom 27. Juli bis 3. August jenes Jahres wanderten wir beide nämlich mit dem Ranzen auf dem Rücken von Goslar bis Thale. Diese Tour war herrlich und wurde mir nur durch eins verleidet: In jede Bank und jeden Baum schnitzte Erich seine und Agnes' Initialen und machte große Herzen darum. Als er es im Bodetal besonders arg trieb, legte ich mich darauf, mit meinem Messer all diese Zeichen zu zerstören, worauf er seine Bemühungen verdoppelte und mit der Eisenspitze seines Bergstocks in jede Felswand den geliebten Namen kritzelte. Es kam zu einer wütenden Szene, deren Ende war, daß wir stundenlang kein Wort miteinander sprachen. Schließlich wurde aber doch noch, eine rührende Versöhnung gefeiert, die unsere Freundschaft noch inniger machte.

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