Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1915-07-09 · Heft 2 (9.7.1915) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
12 (1915-1916)
Issue
Heft 2 (9.7.1915)
Date
1915-07-09
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3537599-3537715-3537717--3475-3541301
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

42 Der Jüdische Student war afeer eine neue Zeit für uns angebrochen, die für unsereinen ja typisch ist. Wir lasen mit einer wahren Wut alles, was ms in die Hände fiel, und lernten in den Jahren 1894—96 den Schiller, Goethe, Grillparzer, Hebbel, Kleist, Shakespeare, Caldeion usw. und daneben wahllos die Dichter — Könner und Nichtskönner — des Tages wie Ibsen, Björnson, Hauptmann, Suderaiann, Hirschfeld, Halbe, Dreyer e tutti quanti kennen. Das Ikteresse fürs Dramatische überwog natürlich, wir fingen an, üe Theater zu besuchen, es war die große Zeit des „Deiischen Theaters", die war damals erlebten, Kainz. und die Sorna standen auf der Höhe ihres Ruhmes. Sonntag für Sonntag tonnte man uns im Jahre 1897 an der Kasse des Deutschen Theaters in der Schumannstraße finden, wo wir jedesmal nach stuaienlangem Warten denselben Platz zu ergattern suchten: 2. Ring Seitenbalkon, 2. Reihe No. 20 oder 21. kh muß hier übrigens sagen, daß in dieser Zeit uns ein rectaä gesunder Instinkt vor oberflächlichem Aesthetentum bewatete. Unsere wichtigste gemeinsam gelesene und gemimte Leküre blieb der Shakespeare, der uns zu einem richtigen Stadium wurde. Durch unsere Väter kamen wir dazu, die Kömgliche Bibliothek benutzen zu können, und wir benutzten sie gründlich. Neben dem Shakespeare lagen die Shakespeare- Jakbücher auf unserem Tisch, und vor allem wurden uns die Stafcespeare-Vorlesungen des Professors Werder zu einer wahren Olfenbarung. Hamlet, Macbeth und Caesar haben wir auch ergpsch gelesen. Einen Höhepunkt bildete für uns die unvergleichliche Hamletdarstellung der englischen Truppe Forbes Rofeertson-Patrick Campbell bei Kroll am 13. März 1898. Vor allem aber drangen wir beide in die Materie durch gegenseitiges Vorspielen ein, und damals war es, als in Erich Rosenkranz die Leidenschaft für die Bühne erwachte. Wir gäben uns z. B. nacheinander die Hamlet- und Macbethmonologe auf und arbeiteten sie schriftlich aus. Inhalt und Bedeutung,. Psychologie und Charakter, jede Bewegung, jeder Schritt, jede Miene wurden ausprobiert, aufgezeichnet und dann alles hinter verschlossenen Türen gespielt, erst von ihm,' dann von mir, i»ner um die Wette. Das alles hat sich in der Parterrewohnung Bülowstraße 19 abgespielt, und es waren reiche Staden für uns. -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.