Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537704-3537709--2981-3541085- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
184 Der Jüdische Student Stein auf das Wasser fiel: Klatsch! Im Geiste sah ich die Wellen des Brunnens, laut aufschäumen und spritzen. Dann ward es ruhig. Es wurde Morgen, und ich schlief ein. Beim ersten Sonnenstrahl ging ich hinaus und mechanisch fand ich den Weg zum Brunnen. Der Boden war naß, ganz durchgesickert von Feuchtigkeit. Große Wasserlachen standen in den Wegen, und das Laub war grün und glänzend. Der Regen hatte einen Balken des Brunnengerüstes unterwaschen, das noch immer stand, und der Balken war quer über den Weg in eine große Wasserlache gefallen. Daher kam wohl das Geräusch. Und als ich mich bückte, um den Balken aus dem Wege zu räumen, fiel mein Blick in den Brunnen. Ich glaube, ich bin zusammengebrochen am Rande. Denn unten war Wasser! Quellendes, rieselndes Wasser l Wasser, dem man es ansah, daß es aus einer Quelle kam, freigewaschen durch die Ströme des Regens. Ich bin vor dem Brunnen niedergekniet und habe gebetet, heiße, stammelnde Gebete. Der Stolz des Siegers war darin und die demütige Freude, nicht gestraft zu sein. Doch die Strafe kam. Sondre Dich nicht ab von der Gemeinde! Das Leben Deiner Seele kannst Du ihr vorenthalten, aber Deine Kräfte darfst Du ihr nicht entziehen. Das ganze Haus habe ich geweckt, wollte alle teilnehmen lassen an meiner Freude, vergaß meinen Stolz und meinen Hochmut und fühlte mich den anderen gleich. Doch der Bube war nicht dabei. Ich ging in sein Zimmer und rief, um ihn zu wecken. Wollte ihn leis aus dem Schlaf heben und ihn auf den Armen heruntertragen und ihm Großvaters goldenen Schatz zeigen, der aus der Tiefe heraufgekommen war. Und ein hohes Gitter mußte der Brunnen haben, damit der Bube nicht hineinfallen konnte. Das Bettchen war leer. Was soll ich Dir noch viel erzählen? Wir suchten. Umsonst. Niemand hatte ihn gesehen. Alles war bestürzt und wußte nicht Rat. Doch plötzlich wußte ich. Das Aufschlagen der kleinen Steine. Der schwere Fall! Großvaters goldenen Schatz wollte er sehen, Großvaters goldener Schatz hatte' es ihm angetan, der Schatz, dort ganz unten, gleißend und geheimnisvoll verborgen. Er hatte so große sehnsüchtige Augen, der Junge. Dann haben sie ihn aus dem Brunnen geholt. — Und jetzt gibt der Brunnen Wasser. Das ist die Strafe. — Sondre Dich nicht ab von der Gemeinde!"/* Daniel schwieg. Es war dunkel geworden, und in schwachen Umrissen lagen die Dinge vor uns. Das Land versank in Nacht. Kleine Steinchen nahm Daniel auf und warf sie in den Brunnen. Einzeln und bedächtig, und von unten herauf kam die Antwort. Mir waren die Sinne so schwer, als ich durch die Nacht heimging.