Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 183 stumm und grollend zurück. Es wurde einsam bei mir auf dem Hof. Die anderen mieden mich, und das Gesinde fürchtete den grimmen Hausherrn. Es war wie tot um mich. Da ließ ich meinen Sohn kommen auch, aus Amerika. Der brachte mir ein Enkelchen mit, einen lieben, schwarzköpfigen Buben. Er war mein Augapfel und fürchtete sich sogar nicht vor dem alten mürrischen Großvater, zupfte ihm strafend den Bart, wenn er aufbrauste, und verlangte, daß ich mit ihm spiele. Am ersten Tage schlenderte er in das Dorf hinein und hatte bald eine Menge kleiner Freunde gefunden, die er mit zum Hof brachte. Ich scheuchte sie weg, wie man fremde Hunde fortjagt, und dem Jungen verbot ich, wieder ins Dorf zu gehen. Dann saß er schmollend am Brunnen und baute im Sande, warf Steinchen hinein und horchte auf das Echo: Schreck und Scham packten mich, als ich ihn so sah. Hastig riß ich ihn fort: „Du sollst nicht wieder an den Brunnen gehen", herrschte ich ihn an. „Großvater!" meinte er schüchtern, „es ist ja gar kein Wassel darin, ich kann doch nicht ertrinken." „Nein, Wasser ist keines drin.'* Ich hätte das Kind schlagen mögen in diesem Augenblick! „Was ist denn darin, Großvater?" fragte er weiter. „Nichts als Steine" — die Erbitternng würgte mir den Hals zu — „und Großvaters ganzes Geld." Die schwarzen Augen wurden ganz groß: „Großvaters ganzes Gold, sein ganzes Gold? Und man kann es sehen, wenn man hineinschaut?" Mir wurde bange: „Nein, man kann nichts sehen. Versprich mir, daß Du nicht wieder an den Brunnen gehst.1' In der Nacht konnte ich nicht schlafen. Es war wieder die Zeit, wo der Spätregen einsetzte. Es war ein Abend gewesen, so still und warm wie dieser Abend. Wolken waren am Himmel gewesen, ganz kleine Lämmerwölkchen wie vorhin. Des Nachts kam Regen, und prasselte auf das Dach und gegen die Fenster. Er lief in kleinen Strömen an der Hausrinne heruntert und ich hörte das Plätschern und Murmeln des Wassers. Ich dachte an den Brunnen, an die Nacht, da nach einem solchen Regen Wasser in der Tiefe war, blankes, helles, frisches Wasser. Da war mir, als hörte ich Steine tief unten am Brunnen aufschlagen. Ein Steinchen nach dem anderen. Pitsch-patsch kam es von unten herauf. Ich dachte, es sei Wirklichkeit und fuhr im Bette auf. Doch dann war es wieder nichts. Die erregten Sinne hatten mich wohl getäuscht. Ich hörte nichts als das Prasseln der großen Regentropfen und das Murmeln der kleinen Wasserströme. Ich warf mich in die Kissen zurück. Da ging es wieder so, wie wenn Steine auf dem Wasser aufschlagen. Das ganze qualvolle Ringen der langen Jahre stand wieder vor mir, der große hartnäckige Kampf, der mich Vermögen und Seelenruhe gekostet hatte, und wie ein höhnisches Gelächter klang es dazwischen: Pitsch-patsch. Und es war wie ein schauriges Spotten, wie ein Höhnen auf mein Aufbäumen gegen die Welt. Ich hatte mich abgesondert von der Gemeinde und war unterlegen zur Strafe dafür. Und der Brunnen gab kein Wasser und schluckte mein Geld ein. Mürb und müde hatte mich der Kampf gemacht, und das war die Strafe. Durch die aufgeregten Gedanken klang eintönig das Geräusch des fallenden Regens. Und dann war es, als ob ein großer, ein ganz großer