Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Der Jüdische Student kamen zu mir, weil sie nicht wußten, wie sie das Wasser hinauftreiben sollten zu meinem Hause, das erhöht liegt. Aber ich wollte kein Wasser von ihrem Brunnen. Ich wollte nichts mit ihnen gemein haben. So begann ich, selbst einen Brunnen zu graben, hier diesen Brunnen. Ich nahm wieder fremde Arbeiter. Es war eine schwere Arbeit. Der Boden hatte felsigen Untergrund, und es mußten große Blöcke gehoben werden. Langsam ging die Arbeit von statten. Die anderen aus dem Dorfe kamen und sagten, der Ort sei zu hoch, das Grundwasser liege sehr tief, es sei schwere und unnütze Arbeit, und sie hätten ja den Brunnen im Dorfe; ich hörte sie nicht. Der Brunnen war schon sehr tief, und die fremden Arbeiter murrten, weil sie Angst hatten, in solche Tiefe hinabzusteigen. Und eines Tages brachten sie einen herauf, der war bewußtlos geworden von giftigen Gasen, die sich dort unten irgendwie angesammelt hatten. Da zogen sie ab und ließen die Arbeit liegen. Nun lag alles brach. Der Sommer war heiß. Ich hätte nur eine Pumpe anzulegen brauchen, um das Wasser vom Dorfbrunnen heraufzuschaffen. Mein Trotz war größer als alle Einsicht. Mein Vermögen schmolz dahin, aber ich war entschlossen, alles daran zu setzen. Geflucht habe ich in den langen Nächten, wenn die Hitze mich nicht schlafen ließ, und ich an das Land dachte, das kein Wasser hatte, und dabei stand der Brunnen und war leer. Ich trieb neue Arbeiter auf. Der Brunnen wurde tiefer und tiefer. Wenn man einen Stein hineinwarf, mußte man lange horchen, bis man ihn auf dem Grunde aufschlagen hörte. Und eines Morgens kamen die Aibeiter zu mir und sagten: „Herr, es ist Wasser in dem Brunnen." Ich mußte mich halten, um nicht vor Freude aufzuschreien. So hatte ich doch gesiegt, war doch Herr geblieben im Kampfe gegen die Menschen und gegen die Natur. Und mein Herrenbewußtsein stieg wieder auf in mir, und den ganzen Tag ging ich umher wie ein Sieger. Am nächsten Morgen galt mein erster Gang dem Brunnen. Ich wollte die erste Labung des neuen Tages aus meiner Quelle holen. Meine Augen waren noch halb geschlossen von dem zufriedenen Schlummer der Nacht, und so sah ich nichts, als ich in den Brunnen blickte. Ich rieb mir die Augen — und sah doch nichts. Ich wurde unruhig, sah in das satte Grün der Bäume, um meine Augen etwas zu stärken und sah wieder in die Tiefe. Nichts. Meine Angst wuchs. Ich nahm einen Stein und warf ihn in den Brunnen und lauschte fiebernd, um das Aufklatschen auf dem Wasser zu hören. Eine lange Pause. Dann ein Ton, wie wenn Stein auf Sand aufschlägt. Noch ein Stein. Das dumpfe Echo kam zurück. In sinnloser Wut warf ich Stein auf Stein in den Brunnen, ganze Blöcke wälzte ich herbei, warf sie hinein und wollte das Schäumen des Wassers hören und hörte nichts und ewig nichts als den dumpfen Ton, wie wenn ein Stein auf Sand aufschlägt. Das Wasser war weggesickert, irgendwohin. Ich hätte den ganzen Brunnen zugeworfen in meiner Angst und Wut, wäre ich nicht entkräftet am Fuße des Gerüstes .zusammengebrochen. Nur fluchen habe ich noch können. Dann bin ich über Nacht grau geworden, so grau wie jetzt und arm dazu. Ich hatte alles verloren in dem vergeblichen Kampf. Und der Brunnen hatte mein letztes Geld verschlungen. Da gab ich den Kampf auf und zog mich