Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1913-08-20 · Heft 5 (20.8.1913) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
10 (1913-1914)
Issue
Heft 5 (20.8.1913)
Date
1913-08-20
Page
[Seite] (sequence 44)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3537599-3537704-3537709--2977-3541081
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

180 Der Jüdische Student segnen, bis sie nichts mehr lieben können als ihr Land und ihr Volk. Mir war die Heimat so nahe und so fremd aller Zweifel, der aus der Heimatlosigkeit entspringt. An der Gemarkung des Dorfes ragt die Warte des Schaumers, jedem unberufenen Störer zur Warnung. Dort ist ein tiefer Brunnen mit klarem, sprudelndem Wasser. Hohe Eukalypten umschatten ihn, und eine kleine Bank steht davor, auf der ich des Abends sitze. Ich schaue von dort weit in das Land hinaus, über die großen, fruchtbaren Felder hinweg, bis zu dem matten Blau des Gebirges am Horizont, über die kleinen weißen Dörfer hinweg bis dorthin, wo ich die heilige Stadt liegen weiß. Der Abend ist milde, und die Gedanken sind hell und klar wie die Dinge selbst, die in der reinen Luft so nahe und greifbar erscheinen. Als ich zu dem Brunnen kam, saß auf der Bank der alte Daniel. Es war sein Brunnen und seine Bank. Das Haus stand in der Nähe, ein stolzer herrischer Bau, weit vor den anderen Häusern des Dorfes, als wolle er sich absondern von der Gemeinde, von der Masse der übrigen. „Sehalom, Daniel." „„Schalom ubracha, mein Sohn."" Ich setzte mich zu ihm auf die Bank und ruhte. Das Murmeln und Plätschern des Brunnens gab eine sanfte Musik, und beide waren wir schweigsam „Ein schöner Abend, heute." Er hob langsam sein Haupt, ein stolzes Greisenhaupt und prüfte sorgsam den Himmel. „„Ja, ein schöner Abend. Glaubst Du, daß es heute Nacht regnen wird? Der Malkosch muß bald kommen."" „Ich glaube nicht, der Himmel ist so klar und dabei kein Lüftchen." „ „Wir brauchen Regen. Das Land wird sonst zu trocken." " „Du hast ja den Brunnen, er gibt doch Wasser genug." „ „Ja, Wasser ist genug da." " „Und der Brunnen steht erhöht, und Du kannst das Wasser leicht aut die Felder leiten." „„Gewiß, das kann ich."" „Es ist ein gutes Werk von Dir, daß Du hier einen Brunnen angelegt? hast. Wenn das Wasser im Dorfe versiegt, so ist hier Ersatz. Der Brunnen im Dorfe ist stark versandet." « 9Ja, ja, ein gutes Werk." " „Wie lange ist der Brunnen hier," fragte ich ihn. Da stöhnte er leise auf . „ „Sprich nicht immer von dem Brunnen, ich bitte Dich." " Seine Stimme klang gequält und müde. Ich war betroffen von dem Ton. Es ist nichts ungewöhnliches, daß man über Wasser und über einen Brunnen spricht in einem Lande, wo das Wasser solche Bedeutung hat. Ich verstand nicht, daß es ihn quälte, wenn ich seinen guten Brunnen lobte. Doch weil es ihm nicht lieb schien, wollte ich von anderen Dingen reden. „Deine Mandelbäume tragen gut in diesem Jahre". Er gab mir keine Antwort, und ich schwieg. Dann, nach einer kurzen Pause leise „ „Willst Du etwas über den Brunnen hören?" " „Du willst nicht davon sprechen, also laß es."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.