Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537704-3537709--2969-3541073- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
172 Der Jüdische Student unrecht Nun ging Herzl nach Berlin. Ein Faden war ihm abgeschnitten, der Versuch, in diese große deutsche Welt hineinzukommen und ein lebendiges, mitwirkendes, vollwertiges Glied zu werden, war gescheitert. Nun versuchte er, Weltmensch zu sein. In Berlin fungierte er als Wochenplauderer des „Berliner Tageblatt" in halbfranzösischer Art, etwas, was ihm, wie alle Dinge, die dieses starke Talent angriff, vortrefflich gelang. Nach außen. Für sein eigenes Empfinden nicht. Denn er war ein Mensch von einer solchen inneren Unschuld, daß er in der geringsten Verlogenheit nicht existieren konnte. Und so war dieses Weltmann-in-Berlin-Spielen für ihn bald unerträglich, und rasch ergriff er die erste Gelegenheit, um nach Paris zu kommen. In Paris hat er das ganz große, aufrüttelnde Erlebnis seines Daseins gehabt. Er hat mir dies oft mit schlichter Einfachheit und doch so wunderschön erzählt. Er war als journalistischer Berichterstatter für die „Neue Freie Presse" dabei, wie dem Hauptmann Dreyfus die Epauletten vom Leibe gerissen wurden. Und er hat mir geschildert, wie die Gesichter der Menschen ringsherum ausgesehen haben, und wie es für ihn war, als hätte er bisher sein ganzes Leben in einer tiefen Nacht verbracht, und plötzlich sei ein ungeheurer Blitz gekommen, der ihm mit einem Male einen Moment lang die ganze Wahrheit enthüllte. Er sah auf allen Gesichtern den ungeheuren Haß, nicht gegen den armen Hauptmann Dreyfus, sondern gegen das ganze Judentum. Und dieser Anblick, dieser ganz unbegreifliche Haß, das wurde das Motiv zur Umkehr und Rückkehr. Das war der Moment, wo er sich sagte: „Du stehst unter diesen Leuten, du spielst mit derKultur dieser Leute, du fühlst dich noch stolz, wenn dudich derKultur dieser Leute anpassen darfst, die zu dir und deinesgleichen so stehen, mit diesem verzerrten Haß im Gesichtl" . . . Nach meiner Ueberzeugung ist das einzig Notwendige für die Juden und das einzig Notwendige für die andern Nationen in Europa, daß die Juden -sich auf ihre eigene Nationalität besinnen, daß sie sich als Nation in Europa organisieren, wobei sie ja in jedem einzelnen Staat sehr gute, brave Staatsbürger sein können, und daß sie als organisierte Nation sich bekennen und leben.