Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Der Jüdische Student Wie wenig gerade der Jude des Mittelalters, der Orthodoxie, der Aufklärung sich als völkisches Gebilde empfand, obwohl doch das gemeinsame Blut vorhanden war, darauf ist bereits zu Anfang dieses Aufsatzes hingewiesen. Aber auch ihn erfaßte der schöpferische Wille der Phantasie: die Nation ist Krone ihrer Schöpfungen. Die Nation, die keine triebhaftkörperliche Erscheinung ist, die einen auf Blut und Geschichte beruhenden, funktionellen Kulturzusammenhang darstellt, der den Kulturinhalt erst formt. So ward der Jude der Gegenwart Die Blutzusammenhänge selber freilich sind da, anerkannt oder nicht, ein Naturgebilde; daß sie zur Nation werden, zum lebendigen Träger der Entwicklung, das ist unser—künstlerischer— Wille. Es handelt sich nicht, das dürfte klar geworden sein, um eine artistisch-ästhetische Betrachtung —, die Phantasie erobert sich bereits in der wissenschaftlichen Psychologie eine Stellung als Grundlage und Grundbestimmung der menschlichen Seele. Daß das Erwachen der schöpferischen Phantasie ein europäisches Ereignis ist, soll uns weder stören, noch befriedigen: von uns erst wird es abhängen, ob es im Sinne des Judentums Früchte tragen wird oder nicht. Nachwort Während dieser Aufsatz gedruckt wurde, ist meine Mutter aus dem Leben geschieden und es ist mir um so eher Bedürfnis, von ihr zu zeugen, als sie in manchen der hier vorgetragenen Ansichten eine Gefahr für das Judentum gefürchtet hat. Ganz die Tochter Israel Hildesheimers — der, frei von den kritischen Tendenzen seiner Zeit, wie von der künstlichen Symbolik einer erneuerten „Orthodoxie", mit dem ganzen Wagemut unverbrauchter Kraft sein Schulchan-Aruch-Judentum, ohne den Versuch einer geschraubten Harmonisierung, an manchem Abgrund vorüber, unbekümmert gelebt hat —, war auch ihr das einfache Leben ein Gesetz, eine freudig erfüllte Aufgabe. Echte Religiosität löste ihr die gesetzliche Starrheit, und sie war stets dankbar, wenn ein frischer und hingegebener Sinn sich eroberungslustig an der „Form" innerhalb der vorgeschriebenen Grenzen versuchte und die häusliche Feier belebte. Sie war aller Formel feind und hat es nicht verwunden, daß sie aus dem umgrenzten Kreise, in dem jüdisches Leben eine Selbstverständlichkeit war, in eine Umgebung kam, in der notwendig das Judentum nur ein vereinzelter Faktor neben anderen sein konnte. So dient auch dieses gotterfüllte Dasein zur Bestätigung: Die religiösen Kräfte selbst müssen leiden, wenn sie isoliert werden, und bedürfen des belebenden Volksdaseins zu ihrer Erneuerung.