Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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168 Der Jüdische Student Nahrung zu geben, ihr eine bestimmie Richtung zu verleihen, innerhalb dieser Bahn ihr aber so viel Freude an schöpferischer Freiheit zu lassen, daß sie nie sich beengt, stets bereichert fühlt. Nur aus der besonderen Schätzung der volkstümlich-künstlerischen Werte des Lebens ist die Stellung zu erklären, die weite Kreise des deutschen Nationaljudentums neben oder zwischen Orthodoxie und Liberalismus einnehmen. Der Richtlinien - Liberalismus betonte die Wahrheit sittlich - jüdischer Glaubenssätze und sieht in der religiösen Sitte nur Erscheinungsformen, erwünscht, soweit sie die Lehre und die Judenheit erhalten; die Orthodoxie hat demgegenüber von neuem entschieden die Unbedingtheit des Religionsgesetzes als Gesetzes verfochten: von der Strömung aus, die hier zu deuten versucht wurde,, sind die Formen Selbstzweck, erschaffen aus einem Ueberschuß künstlerischen Volkstriebes, zusammengehalten und belebt durch das nationale Bewußtsein. Die so erneuerten Feste, die ihre sittliche wie künstlerische Bedeutung als Familienfeste haben, können uns mehr und weniger bedeuten als unseren Vätern. Weniger, weil wir in einer Epoche leben, in der der Familienzusammenhang überhaupt sich lockert; mehr, weil gerade infolge der Auflösung der Familie die vereinzelten einigenden Momente tiefer ergreifen. Aber im ganzen nimmt die Phantasie der Gegenwart eine andere Richtung, und so treten denn zum Teil Volksveranstaltungen anstelle der alten Feste. Diese selbst werden vielleicht bald von der Gemeinde — oder der zionistischen Ortsgruppe — in größerem Maßstabe veranstaltet werden, das geschieht heute schon vielfach; dann aber findet in Schauturnen, Volksversammlungen, Makkabäerfesten auch das neue Volksgefühl seinen künstlerischen Ausdruck. Das hat alles einen etwas offiziellen Charakter, nicht nur, weil der intimere, leisere Ton ein für allemal fehlen muß, sondern vor allem, weil der in ungestümer Neuerung nach Formen suchende Volksgeist noch gar nicht Zeit fand, in den Massen die Fähigkeit der Resonanz zu erzeugen, die sich bei den Nichtjuden Deutschlands, etwa bei den gleichfalls neuen oder erneuerten Dorfspielen, Sonnwendfesten, Maifeiern, sehr viel leichter einstellt. Die Resonanz ist in Wahrheit erst da gegeben, wo Luft und Land und Gemeinschaftswerte ein einheitliches Tempo des Lebensgefühls erzeugen können: in Palästina. Alle Versuche der gestaltenden Phantasie, von denen bisher gesprochen wurde, können nur dort vollendet werden: die literarischen so gut wie die Formen schaffenden. Aber das enthebt uns in keiner Weise der Pflicht, den Trieb, der uns erfaßt, auch hier künstlerisch zu Ende zu leben. Das ist der tiefste Gegensatz, in dem wir zu den Männern stehen — und es gibt deren in allen jüdischen Lagern—, die uns einen Geist des Judentums predigen; auch