Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 167 in den Cafes und mache Korsofahrten. Ja, dagegen wird nun wohl nichts zu machen sein, daß die Ghettobeschaulichkeit, die auf den Oppenheimschen Bildern herrscht, allmählich verschwindet. Der „deutsche Sonntag" sah vor zweihundert Jahren auch anders aus als heute. Fand doch, im zweiten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts, eine förmliche Umwälzung in dem europäischen Naturempfinden statt, — es wäre unnatürlich und gefährlich, wenn diese Gefühlswandlung die Juden nicht ergriffe. Das soziale Leben der Gegenwart ferner zwingt Juden wie Nichtjuden zur „Ausspannung", und führt die Frommen nicht nur Salonikis, sondern auch Frankfurts und Berlins am Sabbat in die Erholungsstätten. Das läßt sich wirklich nicht mit dem Worte Assimilation abtun. In Italien pflegte man einstmals am Purim eine Harnanspuppe auszustaffieren und sie nach feierlichem Umzug zu verbrennen: ich glaube, daß das ein gut jüdisches Volksfest war, wenn es auch einer „indogermanischen" Winteraustreibung so ähnlich sieht wie ein Ei dem andern. Es kommt eben auch hier nicht auf die Herkunft an, — was fruchtbar ist und den Sinn belebt, wird wieder in den Dienst der jüdischen Idee treten. Anregungen für eine solche Feier geben zu wollen, wäre anmaßend und liegt nicht in der Absicht dieser Zeilen. Ich selber wurde in einem Dorfe groß, in dem sich eine Art jüdisches Herrengefühl von selbst einstellte, so daß die jüdische Sitte uns Jungen das natürlich Gegebene schien und selbst unsere Kinderspiele mit christlichen Kameraden beeinflußte. Gewisse Spaziergänge, den Jahreszeiten angepaßt, waren für die Festtage fast die Regel, wie man denn am Schewuaußmorgen, mit oder ohne die traditionell durchwachte Nacht, gern in Feld und Wald die Sonne erwartete. Am Sabbatnachmittag wurden, während einige den Talmud vorzogen, in aller Form im Freien nationaljüdische Debatten geführt. Purim und Simchasthorah wurden zum harmlos übermütigen Karneval, und Sederabend wie Roschhaschanah waren von der neuen nationalen Stimmung getragen, ohne alle dogmatischen Bedenklichkeiten. Das läßt sich nicht ohne weiteres in das städtische Leben übersetzen, vor allem, weil die selbstverständliche Verbindung mit der Natur sowie der Gruppenzusammenhang meistens fehlt. Da wird das Temperament des einzelnen wählen und entscheiden müssen. Der eine sehnt sich danach, auch in der völlig religionsgebundenen Form einen ursprünglichen Volkstrieb zu entdecken und macht den Versuch, ihn sich anzueignen, andere meiden bewußt die rein religionsgesetzlichen Beziehungen und können doch die alte Formenwelt persönlich erleben. Dazwischen sind manche Uebergänge möglich. Nur keine künstliche Mumifizierung aus falscher Romantik. Immer wird das der Maßstab sein, wie weit die Form imstande ist, unserer Phantasie