Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537704-3537709--2963-3541067- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
166 Der Jüdische Student des Segensspruches stärker gebunden ist unser Entzünden der Chanukahlichter. Wenn ein Angehöriger stirbt, greift wohl die Ostjüdin zur Techinnah oder Zennerenne, wie die Christin zu den Psalmen oder Evangelien, — bei uns wird Mischnajes gelernt. So kommt es, daß gerade die Kreise, in denen aus Gründen des Glaubens die religiöse Sitte gepflegt wird, gar nicht recht an ihrer Wiederbelebnng teilnehmen können, ja ihr sogar in gewissem Sinne widerstreben. Wenigstens war es eigentümlich, und für den außerhalb der religiösen Kampfesstimmung Stehenden fast ein wenig erheiternd, mit wie ausschließlicher Erbitternng im vorigen Jahre der Kampf gegen die „Richtlinien" aufgenommen wurde, die ja in manchen Punkten radikal neuern, in denen doch aber die liberalen Juden Deutschlands zum ersten Male erklärten, wie viel ihnen selbst, freilich mit Einschränkung, freilich nach Maßgabe der „praktischen Möglichkeit oder Bequemlichkeit", an den religiösen Formen gelegen sei. Hier zeigt sich der Gegensatz. Die „Bequemlichkeit" erscheint der Orthodoxie fragwürdig, während viele von uns, die dem Richtlinien- Liberalismus ganz fern stehen, gerade das Opfer, die Gehorsamstimmung ablehnen, und die ganze Fruchtbarkeit der religiösen Sitte erst dann entfaltet sehen, wenn unsere Phantasie unmittelbar, in naiver Freude an der Schönheit, im Gefühle einer Bereicherung, eines inneren Wachstums die religiösen Formen gestaltet. In der Festigkeit der Formen also liegt die Schwierigkeit, aber sie ist doch nicht unüberwindlich. Denn immerhin gibt es bei uns noch Möglichkeiten der Entwickelung, Es wurde schon darauf hingewiesen, daß in den allgemeinen Festen ein gewisser Spielraum für die Phantasie vorhanden blieb. Schade, daß wir noch keine Geschichte der Sabbatstimmung haben, eine lohnende und mögliche Aufgabe. Hier seien nur zwei bezeichnende Beispiele herausgegriffen. Der jüdische Gemeindevorstand in Candia muß im dreizehnten Jahrhundert einmal konstatieren, daß die jungen Leute den Sonnabendvormittag, statt in die Synagoge zu gehen, zu Spaziergängen in die Berge und Bootfahrten benutzen, und hält es für nötig, ja nicht gerade das überhaupt zu verbieten oder den Synagogenbesuch zu erzwingen, wohl aber zu verordnen, sicti wenigstens bis zum Schluß des Gottesdienstes zu Hause zu halten. Im südlichen Europa war eben der Rabbinismus nicht so heimisch wie in Deutschland —, darauf hat auch kürzlich Rafael Straus in seiner Studie über die Juden in Sizilien hingewiesen. An diese Episode konnte man im vorigen Jahre durch einen Bericht der „Welt" erinnert werden, der bewegliche Klage über die Juden von Saloniki anstimmte: sie feierten zwar den Sabbat, aber er habe eine verzweifelte Aehnlichkeit mit dem deutschen Sonntag, sei absolut unjüdisch, ein Erholungs-, aber kein Feiertag, man sitze