Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 165 nirgends; das ist kein Wunder. Denn fast alles, was an deutschen Kinderspielen lebendig ist — und dasselbe gilt im Grunde auch vom Kindermärchen — stammt aus uralten mythologischen Zeiten und ist zum großen Teil allen Völkern gemeinsam, — es kann umgewandelt, aber nicht wohl erfunden werden. Und gerade gegen das naive Kinderspiel hat die gesetzlich gerichtete Epoche am grausamsten sich vergangen: was braucht ein jüdisch Kind zu: spielen, es soll Taure lernen, so früh wie möglich. So schaffenskräftig aber ist unsere Phantasie nicht mehr, daß sie einen neuen Mythos zeugen könnte. Unsere Kinder spielen wieder, Gott sei Dank, und werden einst im Anschluß an jüdische Feste auch wieder jüdisch spielen lernen. Denn eine Sehnsucht, die alten Feste wieder zu beleben« und neue zu schaffen, ist heute unverkennbar. Die jüdische Jugend der Gegenwart diskutiert lebhaft die Frage, wie sie wieder, auch wo ihr der religiöse Weg rettungslos verschüttet ist, einen Zugang zu den jüdischen Festen gewinnen könnte. Jene Herrschaft, die die religiös-dogmatische Gesetzlichkeit über die Volksphantasie gewonnen hat, wirkt natürlich erschwerend. Ich hörte einmal von einem Manne, der sich in ästhetischem Entzücken an den Freitagabend, das Lichterbenschen seiner Jugend erinnerte und auf die Frage, warum er es denn nicht in seinem Hause einführe, ganz betrübt antwortete: „Ja, ich glaube doch nicht daran!" Es ist bezeichnend für unsere abnorme, an Glauben und Dogma gebundene Stellung zur jüdischen Sitte, daß wir diese auf den ersten Blick skurrile Antwort ganz gut nachfühlen können. Dieses Hemmnis gilt nicht nur für die „Formen". Schon im elften Jahrhundert werden die deutschen Juden gerühmt, weil sie sich in religionsgesetzlich zweifelhaften Fällen nach der erschwerenden Seite neigten, und seitdem hat sich immer stärker die Auffassung befestigt, daß die Erschwerung,, die Hemmung des natürlichen Trieblebens, das Opferbringen religiös verdienstlich sei. Zudem ist die religiöse Sitte so sehr durch Tausende von Einzelvorschriften eingeengt und in bestimmte Bahn gewiesen, daß für die freie Hingabe an die einfach schöne künstlerische Gestaltung wenig Raum mehr bleibt*). Einige Vergleiche, nicht als Werturteil, sondern zur Illustration: der starke künstlerische Reiz des deutsch-christlichen Weihnachtsfestes ist nicht denkbar ohne die Freiheit, die es der Familienphantasie läßt, eine Stimmung, die durch den Waldesduft noch gehoben wird, — viel feierlicher, starrer, selbst an den Wortlaut *) Es darf nicht verschwiegen werden, daß hier bewußt von den Forderungen der Phantasie, des künstlerischen Triebes ausgegangen wird; von gewissen anderen, mehr sittlichen Voraussetzungen aus schließt gerade die Unbedingtheit gesetzlicher Forderungen für die, denen sie überhaupt erträglich ist, eine gewisse Sicherheit und Beruhigung in sich.