Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Der Jüdische Student Werten und gehört in die große Bewegung gegen die gesetzliche oder vernunftmäßige Nivellierung. Zwei Richtungen sind erkennbar: eine romantische, rückwärts gewandte, eine nach vorwärts strebende, beide in Forderungen künstlerischer Phantasie wurzelnd. Der Wunsch nach Wiederweckung alten Volkslebens im Deutschtum führte zu einem Studium mittelalterlicher Sitten, und da zeigt sich deutlich, daß die Volkssitte, nicht ausschließlich, aber doch großenteils, sich auf zwei Gebiete beschränkt: das religiöse, sei es das christliche, sei es das altgermanische Fest, und das Kinderspiel. Aber wenn auch der Wille zur künstlerischen Oesamtkultur erwacht ist, ist es doch so, daß unsere Zeit infolge der Tendenz eines ungehinderten Verkehrs, der Ruhe, Sammlung, Abschließung verhindert, nicht eigentlich imstande ist, im alten Sinne unmittelbar eine Tradition zu schaffen. So werden zuweilen im Eifer, künstlerische Elemente der alten Zeit wieder aufzufrischen, auch Dinge ergriffen, die der Belebung sich widersetzen. Demgegenüber erstehen einerseits Verteidiger der Großstadt, der neuen Bewegtheit, aber auch sie betonen, daß es sich für sie um die Entdeckung einer neuen, nervöseren, komplizierteren, noch wenig verstandenen, — aber doch eben einer Schönheit handelt; andererseits will man die individuelle Phantasie in den Dienst des Volkes stellen, und so beginnt in Deutschland die „Heimatkunst". 5. Der deutsche Jude ist nun in das moderne Getriebe — schon als Städter — so tief verschlungen, daß wir kaum hoffen dürfen, seine Phantasie werde naiv und selbstsicher ihren natürlichen Zielen zustreben. Er wird sich, dahin deuten schon die beiden größeren Schriften Herzls, von ihr lieber in die Weite als in die Enge tragen lassen, und so vielleicht als erster die Werte der Gegenwartsseele in künstlerisch gestaltete Wirklichkeit umsetzen können. Daß erst ein künstlerischer Geist wie Herzl dem dumpfen Nationalleben den Schwung einer lebendigen, zielbestimmten Bewegung geben konnte, war innerlichste Notwendigkeit. Gleich bei Beginn des erwachten Lebens ertönten neue Lieder, von ganz anderer Wärme und Inbrunst als die altgewohnten, — und das jiddische Lied, das einzige, was wir an Volksliedern besitzen, drang in weitere Kreise. Eine Art Heimatkunst, der Judenroman, ist unterwegs. Ob er zum Ziele kommen wird? Vestigia terrent. Wo bisher — neben den massenhaften wertlosen Erzeugnissen — echte Heimatkunst gestaltet wurde, lag es nicht am Heimatgedanken, sondern an der ursprünglichen Kraft des Dichters. Aber vielleicht verstreut auch hier die Natur Millionen Keime scheinbar vergeblich, damit irgendwo und irgendwann ein volles Gewächs heranreift. Ein jüdisches Kinderspiel gibt es bei uns nur noch ganz vereinzelt. Eine natürliche Tendenz, es zu erneuern, sehe ich