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Der jüdische Student · 1913-08-20 · Heft 5 (20.8.1913) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
10 (1913-1914)
Issue
Heft 5 (20.8.1913)
Date
1913-08-20
Page
[Seite] (sequence 27)
Language
German
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Der Jüdische Student 163 der Tendenz, das Ineinander deutscher und jüdischer Sitten darzulegen. Und es kann gar kein Zweifel sein, daß zum mindesten eine erstaunlich gleichmäßige Entwicklung stattgefunden hat, am erstaunlichsten in den Zeiten, wo die äußere Stellung des Juden zu seiner Umwelt höchst unerquicklich war. Gilt das doch sogar von der Entwicklung der Glaubenslehre selbst, bis heute: Scholastik, Piatonismus, Mystik und Orthodoxie, Aufklärung, Nationalismus, es ist dieselbe Reihe im jüdischen wie im nichtjüdischen Europa. Vollends auf folkloristischem Gebiete: es wimmelt von Parallelen, Werwolf und Hexenglaube, Daumendrücken und Geisterbeschwören, — die Anzahl läßt sich beliebig vermehren, — begegnen uns. Selbst die heilige Neunzahl — nach Hermann Diels das deutlichste Kennzeichen arischer Religion neben der Sieben der Semiten — ist reichlich eingedrungen. Sogar die Briefform ist dieselbe: die Frauen fangen ihre jiddischen Briefe mit ein paar Reimen an, — wie die deutschen Frauen; die Männer beginnen mit rein hebräischen Wendungen, — wie die deutschen Männer mit lateinischen. Soweit es sich um Einzelzüge handelt, scheint meist deutscher Einfluß vorzuliegen, ist zuweilen ein jüdischer Ausgangspunkt anzunehmen; für die große Gedankenentwicklung werden wir immer, wie in den Einzelerscheinungen oft genug, an irgendeine parallele Entwicklung, einen Zeitgeist glauben müssen. Es ist schwer, sich das im einzelnen vorzustellen, aber bisher ist doch auch das viel wichtigere Problem gleicher Art noch völlig ungelöst, in welchem Zusammenhang — und er muß vorliegen — die gewaltige religiöse Erregung die Geister Indiens, Israels, Griechenlands fast gleichzeitig, im sechsten Jahrhundert v. Chr., ergreifen konnte. Schließlich ist die Herkunft der Formen ja nur für den Historiker wichtig, dem Wertenden gleichgültig: wenn nur der Jude sich in der neuen Form lebendig ausdrückt. 4. So sind wir auch jetzt wieder von einer allgemeinen Strömung getragen, wenn wir eine Erneuerung des Volkslebens erstreben. Es ist im Grunde derselbe Ruf, der auch bei den Völkern um uns ertönt: der Ruf nach einer farbigeren, künstlerischen Gestaltung des Lebens. Es muß in aller Schärfe betont werden: gerade weil hier Mißverständnisse infolge übergroßer Empfindlichkeit und Ketzerriecherei sich so leicht einstellen: nicht um eine Abkehr von der Gebundenheit, nicht um Lust an Willkür handelt es sich. Vielleicht ist es eher umgekehrt: wenigstens sucht der norddeutsche Protestantismus heute vielfach in seinen Formen sich an dem künstlerischer und doch gebundener gestalteten Katholizismus zu orientieren. Aber die Forderung reicht weit über kirchliche Bestrebungen hinaus: die Erweckung des Volksliedes, der Dorffeste, eine Heimatkunst, die Betonung stammestümlicher Zusammenhänge, all das dient künstlerischen

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