Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537704-3537709--2959-3541063- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
162 Der Jüdische Student einst in eine reiche Fülle religiöser Formen gehüllt, die zum großen Teil, ohne ersetzt zu sein, einfach verschwunden sind. Verschwunden,, weil das Leben sie erzeugt hatte, ohne daß sie in der schriftlichen Tradition begründet waren. Die allgemeinen religiösen Festtage widerstanden der Nivellierung stärker, und noch heute zeigen, um nur einiges von vielen herauszugreifen, der Freitagabend, der Sabbatnachmittag, der Sederabend, Purim, da wo man auf sie Wert legt, einen starken Rest von persönlichfamilienhafter Färbung. Am stärksten gelitten hat das, was man heute Aberglauben zu nennen pflegt, das weite Gebiet des persönlichsten — und zugleich allgemeinsten Glaubens: von der Gesetzlichkeit wie der Aufklärung gleichmäßig angegriffen, hat er am wenigsten standhalten können. Eben dieser Punkt, daß scheinbare Gegensätze, Orthodoxie und reine Verstandeskultur, in derselben Richtung wirken konnten^ ist von tiefer Bedeutung. Keineswegs genügt es, die geschichtliche Entwicklung einfach in Thesis und Antithesis, in Aktion und Reaktion zu zerlegen, immer wieder ist zu bemerken, daß die Höhe der Thesis durchaus schon die Elemente der Antithesis in sich enthält, mindestens aber das eine Element bereits betont, das später zur Herrschaft kommt. Wo es sich nicht um bloße Geistesgeschichte handelt, sondern um die historische Erfassung konkreter Erscheinungen, wie in der Geschichte der Kunst und der Musik, ist das längst anerkannt: die Hochrenaissance ist schon ein Stück Barock, Beethovens Klassik ein Stück Romantik. Ebenso enthält die — christliche und jüdische — Orthodoxie des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts schon, den Willen, die Erscheinungen durch ein — formal genommen — rationales Element zu beherrscheu, und dieserWille schlug nicht sowohl in die Aufklärung um, als er sich vielmehr in ihr vollendete. So wurde denn die jüdische Aufklärung die unmittelbare natürliche Fortsetzung der jüdischen Gesetzlichkeit, im Grunde schon in Moses Mendelssohn, vollends aber in dem jüdischen sogenannten Liberalismus der Gegenwart. Damit schien das freie Volksleben endgültig überwunden, die Phantasie war abgesetzt, zum mindesten in ihrer Betätigung für ein jüdisches Dasein. Die — religionsgesetzliche oder aufklärerische — Vernunft hatte im Kampfe mit der Willkür nationalen Lebens gesiegt. Wenn wir heute wieder ein rein völkisches Judentum predigen, so befinden wir uns in bewußtem Gegensatz zu einer Jahrhunderte-, ja jahrtausendelangen Tendenz, einem Gegensatz, den wir zu verkleistern keinen Grund haben. 3. Es ist überaus schwer zu entscheiden, wie weit das reich ausgestattete Leben im deutschen Mittelalter, soweit es sich der gesetzlichen Normierung widersetzte, nun eigentlich echt jüdische Farben trägt Güdemanns Gelehrsamkeit steht ganz im Banne