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Der jüdische Student · 1913-08-20 · Heft 5 (20.8.1913) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
10 (1913-1914)
Issue
Heft 5 (20.8.1913)
Date
1913-08-20
Page
[Seite] (sequence 25)
Language
German
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Der Jüdische Student 161 Sitten dazu helfen, die Sitten selbst konstatieren zu können. Ob die Erstarkung und Festigung der Lehre das einzige Mittel war, die Judenheit zu erhalten, ob die religiöse Vertiefung an sich uns gefördert oder beengt hat, ist dabei gleichgültig: unabhängig von jedem Werturteil, sollte eine solche Geschichte der jüdischen Volkssitte einmal geschrieben werden. Der Sieg Babylons über das freie jüdische Volksleben war sicher nicht eben leicht; schon früh bereisten Sendboten Europa, und noch im neunten Jahrhundert durften die Geonim nicht ermüden, Sura und Pumbeditha als die eigentlichen Stätten der religiösen Wahrheit hinzustellen. Nach Spanien kam das erste Talmudexemplar erst Ende des achten Jahrhunderts, und erst im dreizehnten wurde in Nordspanien das Tefillinlegen eingeführt, das vielleicht auch von den griechisch-ägyptischen Juden nicht geübt worden war. Daß in Nordfrankreich die Mesusa unbekannt war, bezeugt noch Rabbenu Tarn, und die Kopfbedeckung in der Synagoge setzte sich erst allmählich durch. Man weiß, daß selbst die rabbinischen Autoritäten noch im elften und dreizehnten Jahrhundert kühne, neuernde Entscheidungen trafen; «erst dann verbreitete sich, vor allem in Deutschland, die skrupulöse, an den Buchstaben der Tradition sich klammernde Gesetzlichkeit. Eine freiere mystisch-moralische Strömung hörte nicht auf zu fließen, beherrschte aber gerade die deutschen Juden nicht sehr stark. Epoche macht der Schulchan Aruch, nicht unbedingt, nicht auf einmal, nicht überall gleichmäßig. Die Briefe von 1619 (herausgegeben von Landau und Wachstein) zeigen schon völlig die Stimmung der späteren Orthodoxie, sie stammen aus Prag; aber noch in demselben Jahrhundert zeigt sich in Glückel von Hameln, einer Norddeutschen, eine viel unbefangenere, freiere Stellung zur Religion; nicht als ob sie ausdrücklich sich irgendeiner Vorschrift entzieht — das liegt ihr gänzlich fern —, aber es fällt doch zuweilen auf, wie sie Dingeunbeachtet und unbesprochen läßt, die für eine Frau ihrer Frömmigkeit in späteren Zeiten unbedingt im Vordergrunde gestanden hätten. Das alles sind freilich mehr negative Momente, wichtiger ist, daß die steigende Gesetzlichkeit notwendig auch die positive Gestaltung der religiösen Sitten ihrer Lebensfülle entkleidete. Sie hebt deren Farbigkeit nicht auf — es ist sogar möglich, daß die stärkere Gebundenheit eine gewisse feierliche Formenpracht erst ausgebildet, zum mindesten aufrecht erhalten hat—, wohl aber erschwerte die Bändigung des Gefühlslebens dem. Juden, die leisen Schwingungen der Seele in künstlerisch-religiöse Tat umzusetzen. Ein Vergleich mit dem Chassidismus der Ostjuden zeigt das deutlich, er entstand als Auflehnung des gefesselten Gefühls. Vor allem die persönlichen Erlebnisse — Geburt, Namengebung, Einführung in die Schule, Hochzeit, Tod — waren

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