Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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160 Der Jüdische Student des Judentums den Blutzusammenhang als ausschlaggebend empfinden, — es schleicht sich in den Ton der Sicherheit, mit dem wir den rein nationalen Charakter des Judentums als den einzig natürlichen verteidigen, dessen Bewußtsein erst den allerletzten Generationen abhanden gekommen sei, doch wohl leicht eine kleine geschichtliche Fälschung. Daß das Blut für die Erhaltung des Judentums bestimmend war, ist freilich unsere Ueberzeugung, aber keine Frage: dieTheologisierung der jüdischen Nation ist sehr alt. Sie stammt, eine echte Goluspflanze, aus dem ersten Exil, aus Babylon, und ist der Fluch des zweiten jüdischen Staates gewesen. Wo hat sich sonst der Kampf zwischen den Herrschenden und dem Volke in die Form religiöser Kämpfe gehüllt? Wo ist sonst eine volkstümliche, blutvolle Literatur ad majorem dei gloriam ausgewählt und vergeistigt worden, daß nur noch kümmerliche Reste eines naivkünstlerischen Schrifttums erhalten blieben, und auch die nur, wo sie die Umdeutung ins Religiöse vertrugen? Und was jene Epoche begonnen, wurde nach der Zerstörung Jerusalems injahrhundertelangen Bemühungen, nicht erst von gestern und heute, vollendet. Leider gibt es noch keine rechte Geschichte der nachbiblischen Welt- und Lebensauffassung, So sind wir Laien genötigt, uns aus kleinen, hier und da verstreuten Notizen, ein Bild dieser Entwicklung zu machen. Denn weder die romanhafte Art, in der Heinrich Graetz Geschichte schrieb, noch pragmatische Broschüren oder die emsige Kleinarbeit der gegenwärtigen jüdischen Gelehrten kann uns hier befriedigen. (Immerhin seien, neben älteren Schriften, Güdemanns und Berliners Arbeiten mit Nachdruck hervorgehoben.) Ich denke: nicht eigentlich an die Geschichte der religiösen Vorschriften, selber, — die ist in rabbinischen Kreisen ziemlich bekannt, und auch seit dem Abschluß des Talmuds nur in einzelnen Punkten, bemerkenswert: galt doch der Talmud denDezisorenim allgemeinen, als Quelle und Grundlage ihrer Entscheidungen. Wohl aber drängt sich die Frage auf: wie weit war die Judenheit im ganzen» überhaupt der rabbinischen Stimmung unterworfen? Die Antwort findet ihre natürliche Schwierigkeit in der Beschaffenheit der uns erhaltenen Quellen: sie stammen fast alle eben aus rabbinischen Kreisen. Daß eine solche Auswahl, genau wie für die biblische Zeit, getroffen werden konnte, ist freilich allein schon bezeichnend für das Vorherrschen der religiösen Stimmung;. durch sie kam es, daß die Geschichte des Judentums heute rein religionsgeschichtlich behandelt wird. Wie etwa der Homerforscher, der den ursprünglichen, vor der endgültigen Redaktjon vorhandenen Homertext rekonstruieren möchte, vielfach auf die \ferse angewiesen ist, die in den Scholien Alexandrinischer Forscher als unecht bekämpft werden und nur dort zitiert sind, so müssen uns die rabbinischen Gegner irgendwelcher