Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3537599-3537704-3537709--2939-3541043- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
144 Der Jüdische Student Individualismus, der allerdings nicht mit separatistischem Sichausleben, mit einem selbstgerechten Quietismus zu identifizieren ist, der vielmehr höchste Entfaltung der Anlagen, die in dem Menschen schlummern, und somit höchste Entwicklung der Persönlichkeit bedeutet. Und ich erlaube mir geradezu, denen, die mit ihrem Oespensterblick eine Verkümmerung der menschlichen Werte national gesinnter Studenten sehen wollen, dieses Humboldtsche Wort als unsere Devise zu präsentieren. Es ist richtig, man hört häufig in unserem Lager die sehr eigenartige, zweischneidige Doktrin: Enthaltung von allen individualistischen Tendenzen. Und ich gebe ohne weiteres zu, derartige Imperative sind so ungeschickt und so mißverständlich, wie nur irgend möglich. Man will, daß die jüdische Jugend Spielereien und Liebhabereien ein wenig ad acta legt, da größere, wichtigere Dinge auf dem Spiele stehen; man will ihnen die Not des Volkes, die Größe des Augenblicks, die Pflicht eines jeden ins Bewußtsein rufen, sich zu den Fahnen derer zu scharen, denen die primitivste, ursprünglichste Empfindung sagt, daß Rettung zu schaffen ist. Weiter nichts. Wir kennen jene Menschen, die ihre ganze freie Zeit dem leichten Leben widmen, die ein sorgloses, eines großen Ideales bares Leben am reich gedeckten Tisch der Welt zu ihrer Lebensdevise erhoben haben, wir kennen aber auch die zahlreichen jüdischen Studenten mit oft glänzender Veranlagung, die auf der Suche nach einem Ideal begriffen sind, das ihrem Leben Inhalt und Wert verleihen soll, die schließlich ihre Arbeitskraft in den Dienst irgendwelcher sozialen oder kulturellen nur nicht jüdischen Aufgaben stellen. Oder jene sogenannten „feinen Menschen", die schon bei dem Wort Politik nervös zusammenschauern und für unsere jüdischen Ziele nur ein dekadent-überlegenes Lächeln übrig haben, quasi ein Signum des Bedauerns ob solcher Desindividualisiertheit. Mit diesen wenigen Typen ist die traurige Anomalie unserer Lage gekennzeichnet. Es ist unsere Pflicht, all5 denen, die ihrem Judentume geistig und seelisch entfremdet sind, begreiflich zu machen, daß nur in der Bejahung ihrer jüdischen Eigenart die Wurzel ihrer Kraft zu suchen ist, daß es keine andere Rettung aus der Schrankenlosigkeit ihres Daseins gibt, als das freudige Bekenntnis zu ihrem Volke. Unser jüdisches Volk befindet sich aber jetzt im Kriegszustande. Es ist ein Kampf um Leben oder