Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Der Jüdische Student 143 lebenswerl erscheint. Der alte Traum der Vorväter, die ihr Leben in Elend und Schande geduldig ertrugen, weil sie, stolz auf den uralten Adel ihres Blutes, den unbedingten Glauben an eine große Zukunft ihres Volkes hatten, soll Leben, soll Wirklichkeit werden. Dem Volke, das in alle Enden der Welt zerstreut, physisch und moralisch bedrückt, den zersetzenden Tendenzen fast zu erliegen scheint, will man eine Heimat schaffen im alten Heimatlande Palästina, als freies Volk im eignen, freien Lande. Die Wanderjahre des jüdischen Volkes sollen vorüber sein, die Herren-und Meisterjahre beginnen. Das Prinzip des modernen jüdischen Nationalismus hat einen Kampf innerhalb der Judenheit entfacht, und mit der Zeit hat sich eine Scheidung vollzogen zwischen denen, die die Liebe zu ihrem Judentum dazu treibt, für eine der großen Vergangenheit würdige Zukunft ihres Volkes zu arbeiten, und jenen, denen ihr Jude-sein nur Pietät oder Anstandspflicht bedeutet. Wir B.J. C.-er stehen mitten in diesem Kampfe um die nationale Erneuerung unseres Volkstums und sind stolz darauf, daß die besten Streiter in diesem Kampfe unseren Reihen entspringen. Da konnte es denn nicht ausbleiben, daß unser Programm Anfeindungen und Mißdeutungen von vielen Seiten her ausgesetzt war. Unter den Vorwürfen, die unsere Gegner gegen uns vorzubringen belieben, möchte ich hier auf einen näher eingehen, der mir im höchsten Grade beachtenswert erscheint. Man sagt nämlich, unsere Kampftendenz, dieses immerwährende Kämpfenmüssen gegen Vorurteil und Assimilation, müsse notgedrungen eine Verflachung des inneren Menschen herbeiführen, sie sei geeignet, die freie Entfaltung der Individualität des Einzelnen zu hemmen. Man fürchtet eine Uniformierung der Persönlichkeiten, eine Vergröberung unserer geistigen Arbeit, weil wir gelernt hätten, Probleme und Tagesfragen vom einseitigen Standpunkte des nationaljüdischen Bewußtseins aus zu betrachten, weil wir so opferwillig mit einer des modernen Menschen unwürdigen Bedingungslosigkeit uns für unsere Idee einsetzten. — Eine solche Auffassung mag Leuten, die unserer Arbeit fernstehen, einleuchtend erscheinen, sie beruht aber auf einer völligen Verkennung der Art unseres Kampfes. Ich habe meinem Aufsatze ein Wort Wilhelm von Humboldts vorangestellt, das höchsten Individualismus predigt, einen